Verfluchte Kunst und Neuanfang

in Tiefencastel, Schweiz

Ein ägyptischer Gebärstuhl, Stierschädel und Autos, die im Matsch feststecken – ein Tag mit dem Künstler Mirko Baselgia bringt viele Mysterien zum Vorschein. In seinen Werken reflektiert der Bündner das zerbrechliche Zusammenleben von Natur und Mensch. Er verbringt viel Zeit in den Wäldern und Wiesen seiner Heimat - doch heute ist er auf dem Weg zu einer Beerdigung.

Der Abend bricht ein, der Nebel wird dichter - bald wird auf der Waldlichtung nicht mehr viel zu sehen sein. Zu hören sind nur die dumpfen Schläge der Ziegel, die Mirko in einem Grab präzise anordnet. Ab und zu mischt sich der Klang einer Kuhglocke dazu, ihre Besitzer werden vom Nebelmeer verschleiert. In der Luft liegt der Geruch von Kuhfladen, Regen und Verwesung. Selbst die Spinnen haben sich verkrochen, auch ihnen ist es hier zu ungemütlich. Auf den Weben, die sich um den verlotterten Kuhzaun ranken, balancieren Wassertröpfchen aus Nebeltau. Der Strahl von Claudios Stirnlampe ist die einzige Lichtquelle. Darin schwirren eine Handvoll Motten wild herum – als bereiten sie sich auf einen Totentanz vor.

Atelier eines Weltenbummlers

Foto by Sara Bagladi

Die Sonne hat sich noch nicht gezeigt, als Mirko am frühen Morgen in seinem Atelier in Tiefencastel in Graubünden die letzten Utensilien einpackt, um aufzubrechen. Tannenzapfen, manche von einer goldig-schimmernden Schicht umhüllt, und Zweige liegen sorgfältig aufgereiht auf Tischen und dem Boden. Sie werden Teil eines Kunstprojekts sein. Riesige Fensterfronten zeigen ein Waldpanorama, der Duft von Erde und Ästen steigt in die Nase – fast hat man das Gefühl, draussen zu sein. Im hinteren Teil des geräumigen Ateliers führt eine kleine Treppe zur «Denkzentrale», wie Mirko diesen Raum nennt. Hier recherchiert er in Büchern, zeichnet Pläne für seine Kunstobjekte oder plant eine Reise. Die Wände der Denkzentrale sind bedeckt mit Büchern: «Von Bienen verstehen» über «Architektur und Sprache» und «Von der Reformation bis zur Revolution» bis zum Reiseführer «Iran» ist hier alles zu finden, was mit Kunst, Natur, Tierschutz, Geschichte, Religion oder Reisen zu tun hat. Diese Themen sind es auch, die in Mirkos Kunstwerken stets in irgendeiner Form auftauchen. Dem Weltenwanderer fällt es schwer, seine Objekte im immer selben Atelier mit dem immer gleichen Standpunkt zu schaffen. Deshalb hat er für  dieses Atelier schon wieder die Kündigung eingereicht.

Verflixter Sommer, in dem alles schief ging

Auch diesen Sommer verbrachte er nicht in seinem Atelier, sondern als «Artist in Residence» im Kloster Schönthal. «Es war wie verhext. Diesen Sommer hat sich alles gegen uns gesträubt», erzählt Mirko. Kunstwerke seien zerrissen, Beziehungen zerbrochen, mit Kuratoren musste verhandelt werden, Geplantes konnte nicht umgesetzt werden. An den scheinbar verhexten Ort kehren sie heute ein letztes Mal zurück: Eine Autofahrt quer durch die Schweiz liegt vor ihm und seinem Mitarbeiter Claudio, der ihn in diesem Sommer bei handwerklichen und administrativen Aufgaben unterstützte. Die Zwei reisen von den Gipfeln Graubündens zu jenen des Juras. Der Regen tröpfelt leise auf die Scheiben, vor dem Fenster ziehen Schluchten, Wälder und Seen Graubündens vorbei. Dort draussen zwischen Naturwundern und Murmeltieren wuchs Mirko auf. Obwohl beim Träger zahlreicher Kunstpreise mittlerweile Anfragen aus Genf, London oder Peking eintrudeln, kehrt er gerne in seine Heimat zurück. Es vergeht keine Stunde, ohne dass sein Handy klingelt. Jetzt ist es gerade die Organisatorin von «Dis da Litteratura», um seinen Auftritt bei der Kulturplattform zu planen. Alles auf Rätoromanisch, Mirkos Muttersprache und wichtige Ausdrucksform für ihn – viele seiner Kunstwerke sind mit rätoromanischen Begriffen betitelt. Wörter wählt er stets präzise.

«Für mich gibt es keine Trennung zwischen der Natur und mir.»

Spurensuche im Wald

Er versucht, den Begriff «Natur» zu meiden, zu oft werde er verwendet, um etwas zu beschreiben, das ausserhalb der Menschen sei: «Für mich gibt es keine Trennung zwischen der Natur und mir», sagt er. Stattdessen spricht er lieber von einem «reichhaltigen Milieu». Dort draussen im «reichhaltigen Milieu» stapft Mirko sonst bei jedem Wetter durch das Dickicht, sammelt Inspiration und Materialien für seine Kunstwerke – diese reichen von Zeichnungen über Druckarbeiten und Installationen zu Skulpturen. Dort geht er auch auf Spurensuche, gräbt, sucht, forscht, denkt nach. Seine Projekte können Jahre dauern. Immer erforscht er zunächst die Materie. Redet mit einer Imkerin über die Farbe von Honig, mit einem Schreiner über die genauen Strukturen von Holz, mit einem Giesser über die Konsistenz von Bronze. Daraus entstehen Wabenrahmen aus Nussholz mit geometrischen, arabisch-islamischen Mustern aus Bienenwachs, ausgegossene Murmeltierhöhlen aus Bronze, ein Kupfermodell eines AKW-Endlagers.

Eine besondere Nacht beim Feuer

Nun ist es Spätherbst – die Zeit, in der man sich noch nicht daran gewöhnen will, dass es schon am frühen Abend dunkel wird. Viel später als geplant erreichen die Zwei das Gut Schönthal. Das ehemalige Kloster wird nun als kulturelle Begegnungsstätte genutzt. Auf den weitläufigen Feldern stehen zwischen Wäldern und Schafen Skulpturen von namhaften Schweizer und internationalen Künstlern. Sie werden von einem Bauern begrüsst, der mit seiner Familie hier einen bio-dynamischen Bauernhof betreibt. Er tauscht mit Mirko ein paar Details über sein Auto aus, das er ihm abkaufen möchte. Doch die kleine Tochter des Bauers traut der Sache nicht ganz: «Das Auto ist ein Scheissfurzgack», ruft sie laut. Und gleich die nächste Ladung: «Ein Gackischeissarrrrschlochfudi» Dabei lacht sie wie eine Hyäne. «Lebst du gerade in der Umgekehrt-Welt?», fragt Mirko. Laut brüllt sie: «JAAA!». «Also eigentlich nein?». «Neeeein!» Wie dem auch sei - wie eine verflixte Umgekehrt-Welt scheint auch der vergangene Sommer gewesen zu sein. Erinnerungen daran tauchen in den Köpfen der beiden auf.

«Erst, als ich in dieser Nacht beim Feuer sass, konnte ich Frieden mit diesem Ort finden»

Claudio zeigt auf einen Platz in der Ferne: «Dort aus dem Weiher haben wir Lehm geschöpft und daraus Ziegelsteine geformt». Dabei liessen sie alte Traditionen aufleben – denn schon im 17. Jahrhundert stand auf dem Schönthal-Gut eine Ziegelbrennerei. Diese konnte jedoch nicht mehr benutzt werden. Mithilfe eines Freundes baute Mirko selbst einen Ofen aus Holz. Er bewachte das Feuer die ganze Nacht, bis der Ofen zusammenkrachte und die Ziegel vollendet waren. «Erst, als ich in dieser Nacht beim Feuer sass, konnte ich Frieden mit diesem Ort finden», sagt Mirko. Die Ziegelsteine, die während diesem Feuer gebrannt wurden, tragen sie nun einen Hang hinunter. Am abgelegensten Ort des Waldes soll die Beerdigung stattfinden.

Stierschädel und Gamsskelette

Schaufel für Schaufel buddeln sie ein grosses Loch. Als es tief genug ist, zieht Mirko vorsichtig einen Schädel aus einer schwarzen Plastiktüte, einen riesigen Stierschädel namens Lataniel. Mirko verbindet ein besonderes Erlebnis mit dem Tier: Er war dabei, als er in einer Metzgerei getötet wurde. Er wollte diesen Prozess hautnah begleiten und die Erlebnisse in seiner Kunst ausdrücken. Seit er seinen letzten Atemzug hörte, fühlt er eine besondere Verbindung zu diesem Tier und wartete auf einen passenden Moment, um ihn zu beerdigen. Das ganze Skelett und Hörner kommen zum Vorschein. Neben die Überreste von Lataniel legt er ein Gamsskelett, welches er während einem Ausritt in den Bergen am Strassenrand entdeckte. Darauf bettet er eine neue Holzpalette. Er verwendet dafür bewusst eine frische Holzpalette – wenn das Grab in 100 Jahren mal ausgegraben werden könnte, soll neben den Überresten auch etwas Neues, also ein ungenutztes Stück Holz, darin zu finden sein.

Dieses Grab, das gegen Osten ausgerichtet wurde, soll gleichzeitig ein Neuanfang sein: Auf die Palette reiht er die Ziegelsteine in der Form eines ägyptischen Gebärstuhls an. In einem gleichmässigen Muster aus Ziegelsteinen lässt er eine kleine Vertiefung frei, daneben stellt er zwei erhöhte, flache Ziegelsteine - gedacht für die Füsse der Frauen, die im alten Ägypten im Hocken gebärten. Ägyptologen wussten schon seit längerem, dass Ziegelsteine zur Unterstützung der Geburt benutzt wurden. Sie vermuteten dies, weil sie in Gräbern die Darstellung der Göttin der Geburts- und Totengöttin, entdeckten. Sie wurde in Form einer Frau mit einem Uterus einer Kuh auf dem Kopf abgebildet – oder als einen sogenannten Geburtsziegel als Körper mit einem Frauenkopf. Als Mirko darüber recherchierte, fand er heraus, dass im Jahr 2011 im ägyptischen Abydos einer dieser magischen Geburtsziegel von Archäologen ausgegraben wurde. Den Gebärstuhl deckt er nun mit einer Schicht lehmiger Erde zu. Damit möchte Mirko die Skulptur aus Skelett und Gebärstuhl in der Natur verschwinden lassen. Er gibt  der Natur die Ziegelsteine, die sie zuvor aus dem Weiher schöpften, wieder zurück.

Der Fluch hält an

Erschöpft und hungrig kraxeln sie den Berg wieder hoch, bereit, diesen Ort hinter sich zu lassen. Doch so leicht kommen die Zwei nicht davon – auch beim dritten Anlauf rutscht der Wagen wie von Geisterhand die Wiese runter. Während Mirko am Steuer sitzt, gibt Claudio mit einer beruhigenden Yoga-Lehrer-Stimme Tipps, wie er den Wagen am besten lenkt. Doch es nützt nichts: In den letzten Stunden hat sich der Boden aufgeweicht und die Reifen greifen nicht mehr. Ein Notfallplan muss her! Nach einer Stärkung aus Rivella und einem Stück Ovomaltine-Schokolade, ruft Mirko den Bio-Bauern an: «Du, vielleicht gibt’s da doch ein Mängelchen am Auto. Wir brauchen deine Hilfe». Seine Tochter hatte wohl den richtigen Riecher. Mithilfe seines Traktors lässt sich der Wagen über die matschige Wiese bis zur Strasse ziehen. Mirkos Zeit im Schönthal ist beendet, Zeit für einen Neuanfang. Nach einem Winter in den heimischen Bergen wird er sich im Frühjahr nach China aufmachen - dort wird er neuen Mysterien auf den Grund gehen.

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