Der Bilderbuch-Bauer

in Seuzach, Schweiz

Eine tiefgehende Verbundenheit zur Natur bestimmt Denken und Handeln dieses erfinderischen Biobauern. Das Resultat: Superfood aus Seuzach.

Den Ausflug auf einen Biobauernhof hatte ich mir ein bisschen anders vorgestellt. Entlang einer lärmigen Hauptstrasse führt mich der Weg vom Bahnhof hinein in die Gemeinde Seuzach. Das einstige Bauerndorf zählt heute 7’000 Einwohner und ist damit der grösste Vorort Winterthurs. Zwischen Fitnesscenter und Einfamilienhäusern entdecke ich ihn, den Biohof von Klaus Böhler. Mit grossen Schritten kommt mir der Landwirt entgegen. Sein kräftiger Händedruck und seine freundlichen Begrüssungsworte geben mir gleich ein Gefühl des Willkommenseins.

Was mich in aller Herrgottsfrühe auf gerade diesen Bauernhof geführt hat? Bohne! Auf dem Biohof der Familie Böhler wird schweizweit einzigartig Edamame angepflanzt. Die Trendspeise Edamame ist nichts anderes als unreif geerntete Soja-Bohnen, die in ihrer Hülse gegart und anschliessend gut gewürzt als Fingerfood gegessen werden. Ursprünglich aus Japan, wird Edamame auch hierzulande immer bekannter und beliebter - nicht zuletzt weil sie als äusserst gesund gilt. Ein Schweizer Biobauer und eine exotische Bohne aus dem fernen Osten; diese Kombination verspricht eine spannende Geschichte! Die Bohne ist aber nur der Anfang – denn bei dem, was der Querdenker sonst noch alles in seiner Kreativküche produziert, blieb mir mehrmals der Mund offen stehen.

Während Monika Böhler, die Frau von Klaus, emsig das Zmorge auftischt, kaut Michael, der ältere der beiden Söhne, bereits an einem Konfibrötli. Ich darf mich direkt dazu setzen. Der knallgrüne Saft aus Urdinkelgras, Apfel und Banane schmeckt hervorragend. Urdinkelgras ist ein Novum für mich, ich hatte noch nie etwas von diesem Süssgras gehört, das auf dem Hof der Böhlers, übrigens ebenfalls schweizweit einzigartig, schon seit vielen Jahren angepflanzt und geerntet wird. Es geht gleich weiter mit unbekannten Geschmäckern: die dampfende Tasse vor mir enthält Moringa-Tee, erklärt mir Klaus. Die Blätter stammen aber nicht vom eigenen Hof sondern von Fredy’s Plantage an der Elfenbeinküste. Das ging mir etwas zu schnell: Wie kamen wir denn nun von den Urdinkelgrasfeldern in Seuzach auf eine Plantage in Afrika? Klaus erklärt, dass er das Agrarprojekt für ein vielversprechendes Vorhaben hält und sich in den Wertvorstellungen der Gründer vollständig wiederfindet. Um sie zu unterstützen, wird der schmackhafte Tee jetzt auch über den hauseigenen Laden verkauft. Es ist nur eines von zahlreichen Projekten und Kooperationen, die Klaus parallel jongliert – viele weitere werde ich im Verlauf des Tages noch kennenlernen.

Für den Vormittag steht die Aussaat von Sojabohnen für die Edamame auf dem Programm. Klaus ist sehr engagiert bei der Sache, erklärt mir Details zur Einzelkorn-Sähmaschine, bei denen sich mir nach kurzer Zeit schon der Kopf dreht. Er ist sehr genau, geht konzentriert ans Werk und überlässt nichts dem Zufall. Alle Einstellungen der Maschine werden akribisch geprüft und wenn nötig nachjustiert. Dass die Maschine bereits etwas älter ist, findet er überhaupt nicht problematisch. Er habe sie günstig bei einer Auktion ergattert, erzählt er etwas verschmitzt. Sein Gespür für gute Gelegenheiten beweist er auch in anderen Situationen. Der jüngste Coup: Der Safthersteller Biotta verarbeitet sein Urdinkelgras in einem «Veggie»-Smoothie. Seit kurzem gibt es die gesunden Drinks im Detailhändler Coop und in Bioläden zu kaufen.

«Wenn jeder ein bisschen weniger auf sein Ego fokussiert wäre und nicht so sehr Angst hätte etwas preiszugeben, könnten wir alle voneinander profitieren und gemeinsam viel mehr erreichen.»

Während wir übers Feld tuckern, klingelt sein Telefon. Alle Maschinen halt: der Kunde kommt bei Klaus immer an erster Stelle. Ob dabei Coop an der Leitung ist und eine Grossbestellung aufgibt oder eine Privatperson, die morgen gerne Edamame im Briefkasten hätte, spielt keine Rolle: «Du musst deine Kunden zu deinen Freunden machen, dann hast du Erfolg.» Und Klaus hat viele Freunde: Spitzenköche wie Tanja Grandits, Fabian Fuchs oder Pascal Haag haben alle schon mit seinen nicht alltäglichen Produkten Rezepte kreiert. Die Zusammenarbeit mit Partnern ist ihm sehr wichtig, denn er will seine Produkte stetig weiterentwickeln und lässt sich gerne herausfordern. Ausruhen ist keine Option, Klaus ist stetig auf der Suche nach etwas Neuem: «Egal was du machst, mach es Vollgas und mit Überzeugung, dann hast du nichts zu verlieren.»

Zurück vom Feld steht bereits das Mittagessen auf dem Tisch. Dinkelspätzli mit Käse, Rotkraut, Salat und Suppe - ein währschaftes Mahl. Was natürlich nicht fehlen darf sind Sojabohnen aus eigener Produktion. Monika und Klaus sind ein eingespieltes Team. Zwei kleine Kinder und daneben den zeitintensiven Betrieb zu koordinieren, benötigt einiges an Geschick. Mittlerweile auch mit am Tisch sitzt der jüngste Spross der Familie Böhler. Der aufgeweckte Simon ist gerade mal vier Jahre alt. Klaus ist ein Familienmensch durch und durch, im Umgang mit seinen Kindern ist er warmherzig und fürsorglich. Auch wenn er eigentlich in Eile ist, für ein kurzes Fussballspiel mit Michael reicht die Zeit. Ruckzuck ist der Junge wenig später zur Tür raus und auf dem Weg in den Kindergarten. Klaus sprintet einmal quer durch die ganze Wohnung, um ihm von der Tür aus noch ein «Tschau Michi, bis nacher» zuzurufen. Ob er sich freuen würde, wenn einer der beiden Jungs dereinst seinen Hof weiterführt, frage ich ihn. Er winkt ab, das sei ihm nun wirklich egal: «Die sollen machen was sie wollen, das mache ich ja auch.»

Kurz darauf stehen wir in einem grünen Grasmeer. Nebst Urdinkelgras baut Klaus auch noch andere Gräser an, die er mir eins nach dem anderen erklärt. Etwas komisch komme ich mir schon vor, wie ich da alle paar Meter wieder ein anderes Gras oder Kraut aus dem Boden rupfe und darauf herumkaue wie ein Kaninchen. Überraschend positiv aber, dass sich meist ein angenehmer Geschmack im Mund breit macht. Beim Sauerampfer und den Blacken stutze ich, ist das nicht Unkraut? So ist es, die Blacke ist sogar ein «Superunkraut» schmunzelt Klaus. Was andere mit Gift bekämpfen, nutzt Klaus auf seinem Hof für Spezialitäten. Wo Mitbewerber einen Schädling sehen, sieht er ein Geschäftsmodell. Bauernkollege Thomas Heggli sagte einmal zu Klaus: «Einem, der Unkraut verkaufen kann, traue ich alles zu.»

«Egal was du machst, mach es Vollgas und mit Überzeugung, dann hast du nichts zu verlieren.»

Klaus macht sich zu Werke: Routiniert schneidet er Büschel um Büschel des saftig grünen Grases ab. Am nächsten Tag wird dieses Urdinkelgras in Filialen des Restaurants tibits zu gesunden Smoothies verarbeitet. Es ist ein harter Job, aber gehetzt wird dabei nicht, von «jufle» hält Klaus generell nichts. Man spürt seine tiefe Verbundenheit mit der Natur, etwas, das mir persönlich und wohl auch vielen anderen leider abhanden gekommen ist. Mit der Schaufel gräbt er einen Brocken Erde aus dem Feld und streckt ihn mir hin. Ich schaue etwas kritisch, da ermuntert Klaus mich, meine Sinne mal einzuschalten. Ich brauche einen Moment, aber dann fallen mir all diese kleinen Dinge auf: der Geruch nach Natur, das Gefühl feuchter, kühler Erde zwischen den Fingern, ein Regenwurm, der sich plötzlich herauswindet - ich kann Klaus' Aussage nachvollziehen, wenn er sagt: «Die Natur fasziniert mich jeden Tag aufs Neue!»

Später zeigt mir Klaus, was sich hinter dem Hof verbirgt: seine «Ideenküche». In einem Gewächshaus zieht er alles Mögliche und Unmögliche heran und kann seine Experimentierfreude so richtig ausleben. Kurz darauf kaue ich auf einem Fichtenspross – wenn jemand Tannenzapfen zur Marktreife bringt, dann ist es ja wohl Klaus. «Man muss Dinge immer probieren – wenn es nicht haut, dann haut es nicht», so seine Einstellung. Die Nische ist es, wo Klaus sich zu Hause fühlt.

Ist diese Einstellung nicht extrem risikobehaftet? Das gehöre halt zum Beruf. Langfristige Planung ist für ihn ein Fremdwort – ja, ein Rätsel sei es gar für ihn, dass Mitbewerber es schaffen, 10-Jahres-Pläne aufzustellen. Damit könne er gar nichts anfangen. Die Offenheit für Neues, Unabhängigkeit, die Tatsache, dass er sein eigener Chef ist und somit alle Freiheiten hat – all das ist für ihn Lebenselixier: «Das brauche ich, sonst läuft mein Motor nicht.»

«Man muss Dinge immer probieren – wenn es nicht haut, dann haut es nicht.»

Zum Abschluss setzt sich die ganze Familie mit mir an den Tisch und es gibt frisch zubereitete Edamame. Die Kinder wissen, wie sie die feinen Bohnen aus der Hülse kriegen und haben eine helle Freude daran. Ohne Kostproben lassen mich die Böhlers nicht aus dem Haus. Eine ganze Wagenladung Edamame, Urdinkelgras und Saft geben sie mir mit auf den Weg.

Als ich beim Eindunkeln wieder Richtung Grossstadt fahre, weg von Feldern und dem Duft der Landwirtschaft, frage ich mich, wie viele Bauern von der Art eines Klaus Böhlers es noch gibt. Wie selten sind sie geworden, die Bauern, die ihre Produkte in völligem Einklang mit der Natur herstellen. Grossbetriebe, die fliessbandmässig produzieren, wo der Bauer Manager und kein eigentlicher Landwirt mehr ist, scheinen das traditionelle Modell abgelöst zu haben.


Als Kind habe ich das Buch «Wie Globi Bauer wurde» zig Male gelesen. Nachdem ich einen Tag mit Klaus auf dem Traktor rumgetuckert bin, mit seiner Familie am Küchentisch sass, ihm beim Säen und Ernten zuschauen konnte, ist für mich klar: Klaus Böhler ist der Vorzeigebauer, wie ich ihn mir als Idealbild vorstelle, seit ich als Kind das Globi-Buch gelesen habe. Ich wünsche mir, dass Klaus nicht der letzte seiner Generation ist und es auch in Zukunft noch viele mutige, unkonventionelle Bauern geben wird.  

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