Noureddin: Die Dunkelheit und das Licht

in Hochdorf, Schweiz

Noureddin (34) aus Syrien lebt als Asylsuchender im luzernischen Hochdorf. Ich begleite ihn durch einen Tag und folge ihm von Damaskus nach Riad, Istanbul, Athen, Zürich. Eine Geschichte über Flucht und Selbstverlust.

Das Haus war einst stattlich. Die Stuckarbeiten an der Fassade sind noch, doch die Mauern darunter, die ockerfarbenen Backsteine, wirken leergelebt und die Farbe der blauen Jalousie ist spröde und blass. Ein alter Mann, gebrechlich und ergraut von Abgasen der Strasse. 

Ein Schriftzug an der Hauswand erinnert an die Vergangenheit des Gebäudes. Pension Eintracht steht in weiß auf einem blauen, hölzernen Schild. Früher zapfte hier drinnen der Gastwirt das Feierabendbier und das Fräulein servierte Perlen der Nachkriegsküche. In den oberen Stockwerken waren Gästezimmer und auf dem Fenstersims blühten rote Pelargonien. Das ist Geschichte. Heute mietet der Kanton Luzern die ehemalige Pension im luzernischen Hochdorf und verwendet sie als Unterkunft für Asylsuchende.

Hier lebt Noureddin (34) aus Syrien. Die Turnschuhe sind bedruckt mit Sternen und Streifen in den US-Nationalfarben, die Jeans hell, das Hemd nadelgestreift und grau, hochgekrempelte Ärmel. Die dattelbraunen Augen sind tief eingebettet in das markante Gesicht, die handtuchtrockenen Haare schulterlang und in einer Mittelscheitel geteilt. Noureddin streicht sich eine Strähne aus der Stirn und schaut in den Briefkasten: Da ist nichts. Er wartet auf den Entscheid seines Asylgesuchs. 

Im Haus ist es still. Der schummrige Korridor führt geradeaus in die Küche, vorbei an geschlossenen Türen, der graue Linoleumboden quietscht unter den Schritten. Links führt eine Treppe nach oben. Im Treppenhaus steht ein durchgesessener Fauteuil auf einem Perserteppich. Hier, in der ersten Etage, leben die Männer aus dem Irak, Iran, Afghanistan und Syrien, im Erdgeschoss die Eritreer und zuoberst die Somalier.

Noureddins Zimmer am Ende des Flurs und ist beschaulich. Es ist ausgestattet mit Polstergruppe, Lavabo, Kühlschrank und Bett. Durch das Fenster sehe ich die Hauptstrasse und die Geleise. Last- und Personenwagen fahren durch den Herbstnebel nach Luzern und Lenzburg und hier steht die Zeit. Der bebilderte Kalender an der Wand ist aus dem vergangenen Jahr, Monat Mai: Ein Bergsee inmitten von steil abfallenden Felsen. Noureddin fragt, ob ich gefrühstückt habe.

In der Küche im Erdgeschoss steht ein Tisch ohne Stuhl, da sind vier Kochherde und nur einer funktioniert. Pizzakartons, Plastikflaschen und Altglas bedecken die Kombination und gegen einen zugemüllten Küchenschrank lehnen zwei Velos. Farbe bröselt von der Decke auf den klebrigen Küchenboden. Noureddin bestreicht ein Fladenbrot mit Schokoladenaufstrich, schneidet Bananen in Streifen und legt diese darauf. Er beträufelt ein weiteres Brot mit Olivenöl und bestreut es mit Zatar, eine traditionellen Gewürzmischung, die er in einer Winston-Tabakdose aufbewahrt. Er rollt die Fladenbrote und schiebt sie in den Backofen. Ich frage ihn nach Früher. Noureddin spricht ein differenziertes Englisch. 

Aufgewachsen ist er in einem Aussenquartier von Damaskus, in Qudsaye, eine halbe Autostunde von der Umayyaden-Moschee in der Altstadt entfernt. Die Gassen riechen nach blühendem Yasmin und Geschichte. Noureddins Vater ist Journalist, die Mutter Lehrerin. Die achtköpfige Familie lebt bescheiden, doch es reicht zum Leben. Die Kinder teilen sich das Schlafzimmer, doch nicht die Betten. Im Schulalter verkauft Noureddin Secondhand-Kleider auf dem Basar. Neben dem Jurastudium dient er als Polizist und arbeitet in einem Autovertrieb für russische und ukrainische Modelle.

Eines Tages kommt ein Vater mit seiner Tochter in den Autohandel. Die Tochter ist schön, schlank und hat dunkles Haar. Der Jurastudent verkauft dem Vater einen Lada 112 und trifft die Tochter heimlich auf einen Tee. Er und Maha werden ein Paar und führen über drei Jahre eine heimliche Beziehung. Mit 24 ist Noureddin Anwalt. Er und Maha heiraten. In der Ehe wird Noureddin unglücklich, fühlt sich eingeengt, kontrolliert durch Mahas Familie. Das Paar verliert sich im engmaschigen Gestrick der Familie. Noureddin reicht die Scheidung ein und geht nach Riad, Saudi-Arabien.
Das war im Jahr 2007.

Die Kunstledercouch sitzt sich bequem. Noureddin hat die gerollten Fladenbrote einer Roulade gleich in mundgerechte Stücke geschnitten und auf einem Teller angerichtet. Er legt den Kopf in den Nacken und isst mit der rechten Hand. Nach dem Frühstück rührt er Instant-Kaffee an und stopft Zigaretten mit einer handlichen Maschine. Die Zigaretten kommen in eine eingedrückte Blechschatulle, die er offen neben den Aschenbecher legt.

In Saudi-Arabien habe er einige Jahre bleiben wollen, höchstens, dann wieder heim in das Damaskus seiner Jugend. Noureddin arbeitet für eine führende Holding im saudischen Modemarkt. Erst wird er Manager eines ZARA in Riad und dann in der Küstenstadt al-Khobar. An beiden Orten ist er Chef von dutzenden Angestellten: KassiererInnen, LageristInnen, Putzequipe. Er hat ein eigenes Büro und kämmt die lockigen Haare mit Gel nach hinten, doch die Isolation, das islamische Recht des Königreichs erdrückt ihn.

Das Regime zieht die Reservisten ein, um zu töten und getötet zu werden. Noureddin möchte beides nicht. Er wird heimatlos.

An einem Frühlingsabend 2011 steckt Noureddin in der Rushhour, als in seiner Heimat erstmals das Lied yalla irhal ya Bashar aus heiseren Kehlen erklingt. Die Revolution in Syrien beginnt mit Lachen und Tanzen und Singen und endet in einem Grabeslied auf die Zuversichtlichen. Aus Saudi-Arabien erlebt er den Bürgerkrieg über al-Dschasira, Facebook und YouTube. Da Noureddin neben seinem Jura-Studium als Polizist gearbeitet hat, ist er in seiner Heimat als Reservepolizist registriert. Das Regime zieht die Reservisten ein, um zu töten und getötet zu werden. Noureddin möchte beides nicht.
Er wird heimatlos.

Ab 2013 arbeitet er für eine Firma in der Tourismus-Branche, im Marketing und als operativer Manager. Seit dem Ausbruch des Bürgerkrieges ist die Familie auf seine finanzielle Unterstützung angewiesen. Daraus versucht der neue Arbeitergeber Profit zu ziehen. Noureddin und andere syrische Angestellte werden systematisch unterbezahlt, bis diese die Arbeit verweigern und sich vor Gericht wehren.

Ein Jahr verstreicht ohne Arbeit und Urteil. Noureddin verliert den Glauben an den Schutz seiner Rechte durch die Institutionen. Die Saudi Resident-Card läuft aus und als Arbeitsloser darf er nicht auf eine Erneuerung der Aufenthaltsbewilligung hoffen. Noureddin kann nicht in Saudi-Arabien bleiben und kann nicht nach Hause, in das kriegszerrüttete Syrien.

Er verkauft sein Auto und sein Motorrad, kündigt die Wohnung und hebt alles Geld von seinem Konto ab. Im Internet bucht er einen Flug von Riad nach Istanbul und postet die Reservations-Bestätigung auf Facebook. 

Das war am 15. August 2014 um 22:44 Uhr.

Der Nachmittag zeigt sich windig und wolkig. Noureddin hat eine Jacke übergezogen und eine Einkaufstasche umgeschnallt. In der Migros kauft Noureddin Eisbergsalat, Zitronen, Kartoffeln, gelbe und grüne Paprikas, Hühnchen. Er besteht darauf, das Essen für das gemeinsame Nachtessen zu bezahlen. Im Anschluss möchte Noureddin an den See, wo er oft ist. Er braucht die Luft und das Alleinsein, die Stunden, in denen er rauskommt, aus dem Haus, wo er sich selbst in allen Gesichtern gespiegelt sieht.

Es geht alles geradeaus, der Hauptstrasse entlang und dann beim Bahnhof Baldegg durch die Unterführung und runter zum Ufer. Die Pforte beim Strandbad steht offen. Das Wasser wirft kleine Wellen und kräuselt sich. Noureddin setzt sich an einen Tisch mit Bank und steckt sich eine Zigarette an.

Es ist der 3. September 2014 um 13:15 Uhr. Das Flugzeug landet sanft in Istanbul-Sabiha Gökçen. Der Pilot verspricht Sonnenschein und mediterrane 28 Grad. Noureddin steigt in ein Taxi und nimmt sich ein billiges Hotel. Im Rucksack hat er T-Shirts, Boxershorts, Socken, Hosen, Badehosen und 5000 Euro Cash. Noureddin ist berauscht von der wiedergefundenen Freiheit und der Schönheit der Stadt. Er bucht eine Bootstour durch den Bosporus, besucht Museen und macht Fotos vor dem Hintergrund der Hagia Sophia. Abends isst er Köfte und trinkt kühlen, luftigen Ayran.

In Momenten der Ruhe sieht er die Menschen aus seiner Heimat in den Parks und Cafés und hört sie in der Sprache seiner Mutter sprechen von Grenzen und Mauern und Europa. In den Parks und Cafés, wo die Heimatlosen sich sammeln, sammeln sich auch die Krähen. Noureddin setzt sich zu ihnen, auf die Parkbänke und Plastikstühle und trinkt türkischen Kaffee mit Kardamom, bis sich ein Türke neben ihn setzt.

Wohin er wolle?
Nach drüben.
Er bringe ihn nach drüben.
Wie viel es koste?
1200 Euro. Für ihn: 1100 Euro.
Wann es losgehe?
Noch diese Woche.

Noureddin ist einverstanden. Der Türke schildert das Vorgehen: Man bringe ihn nach Izmir, in einem Lastwagen, danach gehe es mit dem Boot nach Griechenland. Noureddin wendet ein, dass er nicht illegal eingereist sei und deswegen nicht in einem Lastwagen sondern mit dem Bus nach Izmir reise. Sein Einwand wird ignoriert.

Drei Tage darauf geht Noureddin über die Pflastersteine der Istanbuler Altstadt. Es ist frühmorgens, die Restaurants und Souvenirshops sind noch geschlossen und die Gassen sind menschenleer. Er findet den Kleinlaster auf Anhieb. Sein Name wird von einer Liste auf einem Reisbrett gestrichen. 

Der Laderaum des Lasters ist voll mit Menschen, das Fahrzeug ungeeignet für den Transport lebender Fracht. Es ist dunkel, eng und die Luft ist stickig. Noureddin kann nicht aufhören daran zu denken, dass er legal in der Türkei ist, eingereist mit seinem Pass und unter seinem Namen. Er fühlt den Kontrollverlust. Er fühlt den Strudel, dessen kreisende Bewegungen an ihm ziehen und zerren und alles verziehen und verzerren. Der Strudel zieht ihn erst ins Zwielicht und dann ins Schwarz der Tiefe. 

Die Fahrt nach Izmir dauert acht Stunden. Die Schlepper sind professionell organisiert. Sie führen Buch und betreiben Büros. In einem dieser Büros hinterlegt Noureddin das Geld für die Querung des Meeres. In der Strasse vor der Einrichtung warten Menschen in Reihen.

In der kommenden Nacht werden die Namenlosen ans Meer gefahren. Noureddin trägt seinen gesamten Besitz auf sich: Die Kleider auf seinem Leib, eine Plastiktüte mit Kleidern und eine Bauchtasche. In dieser sind der Pass, die Saudi Resident-Card, das Anwaltsdiplom, das restliche Bargeld und das Mobiltelefon – alles in Kondome gesteckt. Noureddin sieht nichts, die Dunkelheit schluckt das Licht seiner Augen, er fühlt den salzigen Atem des Meeres und hört das Murmeln der Wellen. Neben ihm knien Menschen im Sand und sprechen zu Gott. Noureddin traut sich nicht zu bitten, nun, nach Jahren des Schweigens. Er sagt nur Bismillah ir-Rahman ir-Rahim und springt ins Schlauchboot. Im Namen Gottes beginnt alles Gute.

Die See ist ruhig und doch wird geweint, gefleht, gebetet. Noureddin starrt stundenlang ins dunkle Nichts. Mit dem Sonnenaufgang kommt Land in Sicht. Das Schlauchboot knirscht auf dem Sand, Menschen taumeln durch das seichte Wasser und liegen sich in den Armen. Doch der malerische Strand liegt nicht in Griechenland, sondern in der Türkei, in Çeşme, einem Ferienort südlich von Izmir. Das offenbart das GPS auf dem Smartphone. Noureddin lacht in den türkisblauen Morgenhimmel.

Diesmal ist die See unruhig. Die Wellen brechen ins Boot und die Flüchtlinge schöpfen das Wasser mit Plastiktüten zurück ins Meer.

Die Schlepperbanden garantieren ihren Kunden die Passage. Ein gescheiterter Versuch ist ein Garantiefall, weshalb ein erneuter Versuch kostenlos angeboten wird. Die Schlepper können sich das leisten, da die Mehrheit der Gescheiterten von der Garantie nicht Gebrauch machen, da sie ertrinken. Noureddin ist nicht ertrunken. Eine Woche darauf wiederholen sich dieselben Szenen am Strand und auf dem Wasser.

Diesmal ist die See unruhig. Die Wellen brechen ins Boot und die Flüchtlinge schöpfen das Wasser mit Plastiktüten zurück ins Meer. Dreieinhalb Stunden ist das Boot auf dem Meer, da wird es von der griechischen Küstenwache entdeckt. Die Geschichten von abgedrängten, zurückgeschickten und nicht geretteten Booten halten sich beharrlich in den Köpfen der Flüchtlinge: Ein Passagier zerstört das Boot bewusst. Darauf beginnen die Griechen unmittelbar mit dem Auswerfen von Rettungsreifen. 

Noureddin wird mit den anderen Flüchtlingen aus dem Meer gerettet und auf die griechische Insel Samos gebracht. Er ist durchnässt und hungrig, als er erstmals einen Fuß nach Europa setzt. 

Das war am 4. Oktober 2014.

Noureddin schneidet Kartoffeln, Tomaten, grüne Paprika, Zwiebeln und legt diese in eine Backform. Er zerlegt das Hühnchen und verteilt das Fleisch auf dem Gemüse. Den Knoblauch presst er unter einem Wasserglas und vermischt ihn mit frisch gepresstem Zitronensaft und Gewürzen. Er träufelt die Marinade über das Gemüse und das Geflügel und schiebt die Backform in den Ofen. Das Kochen lernte er von seiner Mutter, in Saudi-Arabien, über Skype.  

Nach der Ankunft auf Samos wird Noureddin von der Polizei in ein Lager gebracht. 800-900 Menschen leben dort in Hallen und es ist ihnen nicht erlaubt, das Lager zu verlassen. Das macht Noureddin nichts aus. Er war allerdings nicht darauf vorbereitet, wie ihn die Menschen anschauen, das Personal, die Polizisten. Da ist Mitleid in ihren Augen. Noureddin wurde nie bemitleidet. Er fühlt sich nicht mehr wie Noureddin. Das Mitleid der Menschen macht ihn zum Flüchtling.

Nach zwölf Tagen im Lager wird er in einer Gruppe an den Hafen von Samos gefahren. Die meisten Flüchtlinge nehmen die Fähre in die griechische Hauptstadt. Noureddin tut es ihnen gleich. Athen ist noch sommerlich warm und überfüllt mit Flüchtlingen. Niemand will bleiben, denn Griechenland ist nicht Europa. Noureddin fühlt sich wohl in Athen, insbesondere im alternativen Quartier Exarchia. Hier betrachtet er Graffitis, sitzt im Schatten der Bäume und hier – in einem Café unweit der Platia Exarchia – macht er die Bekanntschaft von Chloé, einer belgischen Diplomatin.

Montag bis Freitag arbeitet Chloé auf dem Belgischen Konsulat. Nach Feierabend und an den Wochenenden zieht es sie nach Exarchia. Chloé ist schlank, hat braunes Haar, braune Augen. Noureddin ist fasziniert von ihren Widersprüchen. Sie unterhalten sich und tauschen Telefonnummern. Sie ruft ihn an und die beiden treffen sich. Danach sehen sie sich dauernd und werden ein Paar. Noureddin zieht in Chloés Apartment im Athener Vorort Chalandri. Chloé arbeitet und Noureddin kocht Abendessen. Sie sind glücklich, bis der Winter kommt. Noureddin würde gerne bei Chloé bleiben, in Athen, doch spürt er ihre Hemmung und ihre Angst. Die Diplomatin empfiehlt ihm, weiterzugehen, in Griechenland habe er keine Zukunft. 

Im Februar 2015 versucht Noureddin erstmals mit gefälschten Papieren ein Flugzeug zu besteigen. Der Fluchthelfer bietet einen billigen Service: Flugticket und Papiere bis es Noureddin es in ein Flugzeug schafft, zum pauschalen Preis von 2000 Euro. Das Angebot hat einen Nachteil: Noureddin kann das Zielland seiner Reise nicht aussuchen. Die Krähe liefert und Noureddin fliegt.

Der Athener Flughafen ist Anfang 2015 eine der letzten Schleusen, welche den Zustrom der Elenden nach Europa kanalisiert. Die Polizeipräsenz ist enorm. Eine estnische ID und ein Flug nach Italien, eine tschechische ID und ein Flug nach Deutschland: Noureddin hat kein Glück. Bei den beiden ersten Versuchen wird er von der Polizei aufgegriffen und aus dem Flughafen geleitet. Strafrechtliche Konsequenzen drohen ihm nicht.

Beim dritten Versuch gibt ihm der Schlepper eine gefälschte Schweizer ID und ein Flugticket nach Zürich. Auf YouTube hört er sich den Schweizerdeutschen Dialekt an und versucht ihn zu imitieren. Er tritt selbstsicher auf und schafft es durch die Eingangskontrollen, die Gepäckaufgabe und die Security-Checks und auf das Gate. Die Passagiere stellen sich zum Boarding an, halten Ausweis und Boardingkarte bereit und verschwinden im Flugzeug. Dann ist die Reihe an Noureddin. Er zeigt die Schweizer ID. Der griechische Polizist fragt: «Are you swiss?» Noureddin nickt. Der Polizist stellt eine Frage auf Deutsch. Noureddin spekuliert darauf, dass sie beide kein Deutsch sprechen und versucht das Schweizerdeutsch nachzumimen und aufgebracht zu wirken. Der Beamte wünscht einen guten Flug. 

Noureddin erinnert sich nicht an den Namen auf der Schweizer ID. Es ist ein fremder Name, anders, als der Name, der seine Mutter für ihn aussuchte. Dieser Name war ihm ein Hindernis, denn er steht auf dem wertlosen Papier in der Innentasche seiner Jacke. Der Name Noureddin entstammt dem arabischen Nour (نور nūr, dt. Licht) und bedeutet Licht des Glaubens oder starkes Licht.

Noureddin sitzt still und bewegt sich nicht, der Schweiß treibt durch Poren und zeichnet sich auf dem Hemdrücken ab. Dann startet der Motor, die Turbinen drehen und das Flugzeug rollt auf die Startbahn. Eine unsichtbare Faust trommelt gegen seinen Brustkorb, drückt ihn in den Sitz, und dann, erst als die Maschine fliegt, nimmt der Druck ab und Noureddin atmet alles aus: Saudi-Arabien, Istanbul, Athen, das Salz des Meers und Chloé. 

Das war am 6. Februar 2015.

In Hochdorf ist die Nacht hereingebrochen. Die leeren Teller stehen auf dem Salontisch. Noureddin kramt seine Zigarettendose hervor und öffnet eine Flasche Weißwein. Er streicht seine Locken hinter die Ohren, lehnt sich in den Sessel und inhaliert den Rauch in beide Lungenflügel.

Noureddin hat alles aufgegeben: Heimat, Familie und Freunde, Wohlstand, Beruf, Identität. Die Entscheidung nach Europa zu kommen hat er wohlüberlegt getroffen, schwer und folgenreich, wie sie ist. Er wusste von Gefahr, Armut und Einsamkeit und dennoch: Noureddin hat sich dafür entschieden. Da ist Schmerz, aber da ist noch mehr Kraft und Freiheit in seiner Brust.

Die Flugzeit von Athen-Eleftherios-Venizelos nach Zürich beträgt drei Stunden. Das Flugzeugpersonal serviert ein Mittagsmenu. Noureddin ist berauscht vor Erleichterung und kann keinen klaren Gedanken fassen. Soll er in der Schweiz bleiben oder weiterreisen nach Deutschland, Dänemark, Schweden? Die Entscheidung wird ihm abgenommen. 

Das Flugzeug landet gegen Mittag in Zürich. Im Strom der Reisenden wird Noureddin aus der Maschine getragen. Auf dem Gate stehen Polizisten, welche in die Menge schauen. Ein Beamter mustert ihn und Noureddin kann nicht anders, als seinen Blick zu erwidern und ihn anzulachen. Der Polizist winkt ihn zu sich heran und stellt ihm eine Frage auf Deutsch. Noureddin versteht nicht und antwortet in Englisch. Der Beamte seinerseits versteht nicht. Ein anderer Polizist mischt sich ein und fragt nach Papieren. Noureddin greift in die Innentasche seiner Jacke, nach seinem Namen, seiner Herkunft und gibt dem Polizisten seinen Syrischen Pass mit den Worten: «I am Syrian.»

Die Beamten insistieren. Danach wird er abwechselnd von zwei Polizisten befragt. Der eine ist zuvorkommend, herzlich, der andere laut und anklagend.

Noureddin wird in ein kleines Büro gebracht. Er muss sich nackt ausziehen. Die Polizisten durchsuchen seine Sachen. Es werden ihm Dokumente vorgelegt, die er unterzeichnen soll. Noureddin unterschreibt. Er wird von Bundespolizisten in Zivil abgeholt, welche ihn auf die Polizeistation im Flughafen Zürich führen. Noureddin wird in ein Büro gebracht, wo er sich wiederum nackt ausziehen muss. Er eröffnet, dass er bereits durchsucht worden sei. Die Beamten insistieren. Danach wird er abwechselnd von zwei Polizisten befragt. Der eine ist zuvorkommend, herzlich, der andere laut und anklagend. Die Situation verunsichert ihn.

Danach wird Noureddin in ein Aufnahmezentrum am Flughafen gebracht. Dort werden Asylsuchende, welche über den Luftweg in die Schweiz gelangen, vorübergehend beherbergt. Die Unterkunft besteht aus zwei getrennten Schlafräumen für Männer und Frauen à rund 25 Betten, Nasszellen und einem Aufenthaltsraum mit Fernseher und Wasserkocher. Der Aufenthaltsraum verfügt über Fenster mit Blick auf die Lande- und Startbahnen des Flughafens. Noureddin betrachtet die Flugzeuge, die in den Nachthimmel fliegen.

Am kommenden Tag stellt er ein Asylgesuch in der Schweiz. Fünf Tage darauf wird er zum unterirdischen Bahnhof am Flughafen Zürich gebracht. Es ist frühmorgens. Ein Polizist begleitet ihn. Noureddin erhält ein Zugticket und die Adresse des Amtes für Migration in Luzern. Im Verlauf der Zugfahrt sieht er erstmals Schweizer Strassen und Häuser. Noureddin kann nicht glauben, dass am Himmel dieselbe Sonne ist, die in diesem Moment auf Damaskus scheint, in die Küche, wo seine Eltern frühstücken.

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Noureddin wohnt nicht mehr in Hochdorf. Seit November 2015 wohnt er in Willisau in einer Wohngemeinschaft mit zwei Schweizern. Er lernt Deutsch und sucht Arbeit. Kürzlich hat er sich in einem Dönerladen beworben, um Auslieferungen vorzunehmen. Er wartet auf seinen Asylentscheid.

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