Am Ende lohnt es sich immer

in Bali, Indonesien

Lourika van Tonder leitet gemeinsam mit ihrem Mann Sergio Batista für einige Monate eine Eco Lodge in den Regenwäldern von Bali. Ein Tag im Leben der beiden, fern vom Zuhause in Santa Barbara.

Diese Geschichte beginnt nicht mit dem Frühstück von Lourika van Tonder, das aus einer grossen Tasse Kaffee mit einem Schuss Milch sowie einer mikroskopischen Löffelspitze voll Zucker, weil der Kaffee hier ein Bali einfach sehr stark ist, einem frischen Fruchtsaft und einem Marmeladen-Toast bestanden hätte. Der Grund: Der Weg hinauf zur Sarinbuana Eco Lodge wurde völlig unterschätzt. Frühmorgens fuhren wir mit unserem Mietauto von Ubud in westlicher Richtung gen Tabanan. Bali hat allerdings einen kleinen, doch durchaus problematischen Makel: Es gibt an den Hauptstrassen so gut wie keine Ortsschilder. So orientiert man sich auf der Karte an den Kurven der Strassen und hofft, bei der richtigen Biegung die korrekte Abzweigung zu erwischen. Das hat schon nicht geklappt. 20 Kilometer zu spät drehten wir noch einmal um. Kein Problem. Vor der grossen Brücke — «Ich hab es dir doch gesagt!» — nach links und dann beim Polizeiposten noch einmal nach links, so steht es zumindest auf der Wegbeschreibung. «Aber die Strasse in Richtung rechts sieht doch so schön aus, mit Mittelstreifen und ganz ohne Schlaglöcher! Egal, wird schon nicht so schlimm sein.» Am Anfang war es tatsächlich noch irgendwie lustig. «Das ist mal ein authentisches Abenteuer!» — «Das erlebt sonst keiner!»

Je höher die Strasse sich den Berg hochschlängelte, wenn man diesen Untergrund überhaupt noch so nennen darf, desto tiefer sank die Moral. Eineinhalb Stunden langsamsten Schlaglöchernausweichens später konnten auch die schönsten Tempel, Reisterrassen und Dschungelpanoramas die Stimmung nicht mehr heben. Nur die Bewohner der kleinen Bergdörfer, die uns angrinsten und anlachten, als wären wir ihre verschollenen und wiederaufgetauchten Nachbarn, haben es jeweils für einige Sekunden geschafft. Gerade als sich die Miene des Freundes und Fahrers völlig versteinert hatte, das Auto auch nur noch ächzte und sogar das Surfbrett im Kofferraum keine Lust mehr zu haben schien, waren wir da, zuoberst auf dem Berg. Zwei Stunden verspätet.

Es ist schliesslich fast Mittag, als wir aus dem Auto steigen und dankbar das hölzerne Schild mit der Aufschrift «Sarinbuana Eco Lodge» anlächeln. Gegenüber sitzen sechs Balinesen und Balinesinnen jeder Generation vor einem offensichtlich neu erbauten Warung – das sind die kleinen Kioske, die man überall in Bali findet. Wem die hier oben etwas verkaufen wollen, mitten im nirgendwo, soll nur für kurze Zeit ein Rätsel bleiben. Wir grüssen höflich, eine davon fragt: «You friends of Lourika? That way!»

Auf einem von Steinen gepflasterten, schmalen Weg geht es an die 200 Meter durch Dschungel, vorbei an handflächengrossen, weissen Schmetterlingen mit schwarzen Punkten, Bäumen so hoch wie die höchsten Häuser zuhause und stets begleitet vom Soundteppich aus Grillen, Fröschen, Geckos, Vögeln und weiterem Getier, den der Regenwald rund um die Uhr auslegt. Lourika begrüsst uns in einem dieser Kleider mit dem schönen Blatt-Muster, die man überall auf der Insel südlich von Ubud findet. Ihres ist grau mit weissen Blättern und knie-lang. Die natürlich dunkelbraunen Haare fallen locker auf ihre Schultern, die Brille braucht sie wegen Kurzsichtigkeit. Sitzt man ihr gegenüber, legt sie diese beiseite, als könnte sie einem auf diese Weise näher sein.So auch jetzt beim Mittagessen. Alle sind hungrig, sie von der Arbeit und wir von der Fahrt. Das Restaurant der Sarinbuana Eco Lodge serviert die indonesischen Klassiker wie Nasi Goreng (gebratener Reis), Mie Goreng (gebratene Nudeln) oder Nasi Campur (Reis und sonstiges Allerlei), aber auch üppige Salate — das Grüne kommt hauptsächlich aus dem hauseigenen Gemüsegärtchen, das sich auf dem Gelände befindet.

Lourika und Sergio managen die Lodge nun seit zwei Monaten. Es sollen noch zwei weitere werden. «Diese Möglichkeit hat sich buchstäblich manifestiert, ich kann es nicht anders sagen», erzählt Lourika, «ich war auf der Suche nach so etwas und bin auf der Website dieser Eco Lodge gelandet, wo sie Volunteers suchten. Während ich auf der Seite herumsurfte, stand da auf einmal, dass ein Paar gesucht werde, das sie für einige Monate managen soll. Einen Monat später waren wir schon hier.» Zuhause in Santa Barbara, Kalifornien werden kurzerhand die Jobs gekündigt, die Wohnung untervermietet und Hund Nelson in die Obhut von Lourikas Vater gegeben: «Ich hoffe einfach, dass er nicht so fett wird wie seine beiden Hunde», sagt Lourika zum Spass, aber das schiefe Lächeln zeigt, dass sie es ziemlich ernst meint.

«Diese Möglichkeit hat sich buchstäblich manifestiert, ich kann es nicht anders sagen.»

Sich an neue Lebensumstände zu gewöhnen, ist nichts, was Lourika oder Sergio fremd ist. Sie wurde in Südafrika geboren, studierte in San Francisco Sozialanthropologie, ging dann nach Buenos Aires, wo sie zwei Jahre lang lebte und in einem dieser hippen Social Clubs arbeitete. Ein Job, der sie fast ausbrannte: «Es ist hart, mit einem argentinischen Lohn ein Expat-Leben zu führen.» Lourika beendete diese Episode nach zwei Jahren, ging für einen Besuch nach Paris, wo sie das Gefühl nicht los wurde, nach Portugal gehen zu müssen. Dort volunteerte sie in einem Landwirtschafts-Projekt, bei dem auch Sergio mitwirkte.

Sergio Batista, grossgewachsen und braungebrannt, so braun, dass seine eher hellbraunen Augen heller sind als die Haut, Locken und die Begeisterungsfähigkeit eines Kindes, kommt von den portugiesischen Azoren. Einer dieser Menschen, die jeden unterhalten können, selbst balinesische Grossmütterchen, die kein Wort Englisch sprechen. Als sich Lourika nach dem Projekt entschied, nach Santa Barbara zu ziehen, kam er bald nach, sie heirateten. Das ist noch keine zwei Jahre her.

Am Vormittag hatte das Internet auf der Lodge nicht funktioniert, das klingt im Regenwald erst einmal nach keinem grossen Problem. Doch auch hier laufen die Buchungen über das World Wide Web und für die ist Lourika hauptsächlich verantwortlich. So verabschiedet sie sich für eine kurze Zeit ins Büro, eines der vier kleinen Häuschen, die das Manager-Paar bewohnt und im hinteren Teil des Geländes liegt. Wobei schwierig auszumachen ist, was genau zum Gelände gehört und was bereits Teil des Regenwaldes ist. Drei ziemlich junge Hunde leben auch auf der Lodge, die regelmässig Radau machen wie im Hundekindergarten. Wer sich zu Lourika und Sergio auf die Veranda setzen will, muss schnell sein, sonst sind alle Sitzgelegenheiten von Hunden besetzt.

Die Sarinbuana Eco Lodge hat ihren Namen vom nächsten Dorf, das höchstgelegene am Berg. Es ist schwer verständlich, wie sich der australische Besitzer Norm – jetzt ist er gerade in den Ferien, sonst schmeisst er die Lodge gemeinsam mit seiner Frau Linda – im Jahr 1990 dorthin verirren konnte. Zufällig kommt man hier mit Sicherheit nicht vorbei. Doch es muss ihm trotz der totalen Abgeschiedenheit gefallen haben. Stück für Stück, Gebäude um Gebäude, Weg für Weg wurde die Lodge in den letzten 25 Jahren als Lindas persönliches Projekt komplettiert — vom Wohnort zur Eco Lodge, die auch Gäste empfängt. Die Lodge hat nicht nur neue Arbeitsplätze und Möglichkeiten in die Region gebracht, sondern auch viel zum Umweltschutz begetragen. Jetzt gerade sind sechs Deutsche anwesend, die sich nicht an der beschwerlichen Strasse stören und täglich Ausflüge ins Tal machen. Heute ist die Lodge ein kleines Paradies. Zwischen Palmen und allerhand Grünem sind die Gästehäuschen verteilt, der Gemüsegarten im Zentrum des Geländes wächst üppig. Dort leben zudem vier Affen, die aus schlechter Haltung gerettet wurden, die lauteste Katze der Welt, die drei besagten Hunde, viele Fische in Teichen und seit kurzem zwei junge Häschen. Lourika hat sie vor einigen Tagen gekauft: «Es hat sich angefühlt wie der coolste Einkauf der Welt, als ich hier mit zwei Häschen wieder hochgefahren bin.» Thelma und Louise, so wurden sie von Lourika getauft, scheinen sich wohlzufühlen, auch unter den wachenden Augen und wedelnden Ruten der Hunde, die am liebsten mit ihnen Fangen spielen würden.

Zu Fuss gehen wir etwa 30 Minuten weiter den Weg hoch, in Richtung der lokalen Kaffeeplantagen, die man als Laie schlicht als Wald betiteln würde. Sergio, der in der Arbeitsteilung vornehmlich die Dinge tut, für die man sich die Finger dreckig macht, hat auch hier oben einen Gemüsegarten eingerichtet. Seine Begeisterung für die Landwirtschaft springt ohne Umwege über: «Hier in Bali wächst so gut wie alles. Man schmeisst einen Samen auf die Erde und er wächst ohne Zutun. Man reisst einen Ast von einem Baum ab, steckt ihn in die Erde und ein neuer Baum wächst daraus. Es ist unglaublich!» Lourika schüttelt ob seinen motivierten Ausführungen ab und an den Kopf, lächelt und denk sich wohl: «Du bist es, der hier unglaublich ist!»

Es beginnt zu Regnen. Es ist Ende April, die Regenzeit dauert offiziell noch etwa eine Woche. Lourikas graues Kleid wird nass und dunkelgrau, wir sind gerade dabei, den Rückweg anzutreten. Die balinesischen Regenwälder sind die Heimat der Luwak-Katze, die sich für den teuersten Kaffee der Welt verantwortlich zeigt. Sie veredelt den Luwak-Kaffee dadurch, dass sie die Kaffeebohne isst und schliesslich wieder ausscheidet. Nun ist auch klar, warum sich der Warung gegenüber des Lodge-Parkplatzes lohnen wird: Eine Tüte Luwak-Kaffee kostet dort umgerechnet 20 Dollar. Für Balinesen viel Geld. Mit dem gerade stattfindenden Bau mehrerer anderer Lodges und Resorts in der Umgebung könnte das durchaus ein gutes Geschäft werden. Bei einer balinesischen Familie gehen wir eine Luwak-Katze anschauen. Das Tier wird in einem kleinen Käfig gehalten, schaut uns durch den Regen verängstigt an. Lourika seufzt: «Das arme Ding, wenigstens leben alle anderen Luwak-Katzen im Wald.»

Täglich um 7 und um 17 Uhr bietet Lourika Yoga für die Lodge-Gäste an. Heute Nachmittag sind ausser mir noch zwei ältere Deutsche, eine Frau und ein Mann, dabei. Unaufgeregt und klar führt Lourika durch die Stunde. Für die beiden anderen ist es offensichtlich eine der ersten Erfahrungen mit Yoga. «Sobald es anstrengend wird, fängt die Arbeit erst richtig an. Es ist wie im richtigen Leben», sagt sie und justiert die Krieger-Positionen. Wenn es mit dem Gleichgewicht im Baum, der auf einem Bein ausgeführt wird, noch nicht ganz klappen will: «Macht nichts, es ist nur Yoga». Der Ort, an dem die Yogastunden stattfinden, ist gelinde gesagt, magisch: Ein Baumhaus-Pavillon, mehrere Meter über dem Boden, auf der Höhe der Dschungel-Baumwipfel. Wir halten die gefalteten Hände an unsere Herzen und Lourika beendet die Stunde mit: «Wir bedanken uns bei uns selbst, unseren Mitmenschen und den Lehrern, die diesen Weg für uns geebnet haben. Namasté.»

Beim Abendessen um 19 Uhr kommt man auf die Zukunft zu sprechen. Lourika und Sergio haben keine Ahnung, was sie nach Bali machen wollen. Die einzige Bedingung: Nelson, der Hund, muss mitkommen können. Es soll also nicht unbedingt Santa Barbara sein, doch Meer wäre schon schön. Tatsächlich haben es die beiden noch nicht einmal ans Wasser geschafft, seit sie in Bali sind. Vielleicht morgen. Oder übermorgen. Mal schauen, wie es auf der Lodge so läuft. Es ist wichtig, sich auch im Paradies seine Zeit zu nehmen. Später am Abend sitzen sie meist noch auf ihrer Veranda, umzingelt von den liebeswütigen Hunden. Sergio lieber mit eingeschaltetem Radio, Lourika lieber mit ausgeschaltetem Radio.Der Freund und Fahrer und ich bereiten uns moralisch schon auf die Rückfahrt vor. Nur um am nächsten Tag herauszufinden, dass es noch einen anderen Weg gegeben hätte. 40 Minuten und nicht halb so viele Schlaglöcher. «Wie, wir sind schon an der Hauptstrasse?»

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