Ich denke in Holz

in Wetzikon, Schweiz

Der Familienbetrieb Dietliker Holzbau AG steht ganz im Zeichen von Holz. Geführt wird das Unternehmen in der zweiten Generation von Thomas Dietliker. So facettenreich wie die Verwertung von Holz ist auch sein Alltag.

Die wenigen Schritte von seinem Haus ins Büro macht Thomas Dietliker noch bevor sich die Sonne am Horizont zeigt. Nur die Vögel sind auch schon auf den Beinen und zwitschern ihr Frühlingskonzert. Sein Büro befindet sich im ersten Stock des Hauptgebäudes und auf dem gleichen Grundstück wie sein Wohnhaus. Von hier aus behält er nicht nur sinnbildlich den Überblick: Er sieht auf die Einfahrt, auf die Schreinerei und die Zimmerei, welche in einem Nebengebäude untergebracht sind. Als gelernter Zimmermann und Schreiner kennt Thomas das Holz nur zu gut und weiss, wie man damit umgehen muss. Seine heutige Aufgabe als Geschäftsführer der Dietliker Holzbau AG besteht allerdings vorwiegend daraus, alles rund um die Holzverarbeitung zu organisieren und zu planen.

«Mein Donnerstag sieht etwa wie folgt aus:

6.00 Arbeitsbeginn im Büro

7.00 Arbeitsbeginn der Mitarbeiter, anstehende Probleme besprechen

9.00 Abgemachter Termin wurde gestern abgesagt, Erledigung Post, Offerten rechnen bis 12.00

12.00 Mittagessen zu Hause, evtl. auswärts

13.30 Besprechung auf einer Baustelle in Pfäffikon ZH

15.00 Diverse Abrechnungen erstellen

17.30 Feierabend»

Diese Übersicht gibt einen ersten Einblick in den Alltag von Thomas. Eines schon vorweg: Planung ist gut, Flexibilität ist besser. Das beweist Thomas auch an diesem Tag, denn nicht alles kommt, wie es geplant war.

Zimmer und Schreinern

Um 7.00 Uhr stehen alle Mitarbeiter bereit. Ihr Arbeitstag beginnt mit einer kurzen Team-Besprechung. Wer macht heute was? Wer ist auf welcher Baustelle? Gibt es noch offene Fragen? Thomas schaut in der Schreinerei vorbei: «Da sage ich aber eigentlich nur kurz hallo». Die Schreinerei wird von Paul Rüegsegger geleitet, welcher bereits seit 38 Jahren für die Familie Dietliker arbeitet. Diese Loyalität der Mitarbeiter würden sich viele Grosskonzerne heute wünschen, hier im lokalen Gewerbe sei das aber nicht so aussergewöhnlich; so Thomas Dietliker. Als kleiner Vergleich: Thomas ist selber seit 32 Jahren dabei, ein Drittel Jahrhundert und nicht einmal Dienstältester! Die Schreinerei besteht aus mehreren Räumen. Einer davon ist der Maschinenraum, in welchem sich Dutzende Holzverarbeitungs-Maschinen befinden. Ein weiterer ist der sogenannte Bankenraum: «Das hat nichts mit den Finanzbanken zu tun. Der Name kommt von der Hobelbank.» In der Schreinerei liegt gerade ein grosser Türrahmen auf dem Werktisch, der von zwei Mitarbeitern transportfähig gemacht wird, um anschliessend auf der Baustelle eingebaut zu werden. Auf ein Total von einundzwanzig Mitarbeitern kommen vier bis fünf Lehrlinge: «Die Förderung des Nachwuchses ist mir ein grosses Anliegen», meint der Chef.

Sein morgendlicher Rundgang führt ihn weiter in die Zimmerei, welche als separates Gebäude auf dem Areal steht und in ihrer Dimension an eine Lagerhalle erinnert. Sofort steigt einem der intensive und wohltuende Duft von frischem Holz in die Nase und verrät, dass hier mit Holz gearbeitet wird. «Ich rieche das schon gar nicht mehr», sagt Thomas achselzuckend. Beim ersten Blick in die Zimmerei stellt sich schnell die Frage: Was ist nun der Unterschied zwischen einer Schreinerei und einer Zimmerei? «In der einen wird gezimmert und in der anderen geschreinert», antwortet Thomas schmunzelnd. «Viele denken immer, der Zimmermann macht nur Dächer, das ist aber schon lange nicht mehr so», erklärt er und macht auf die moderne Bauweise mit den Flachdächern aufmerksam. Architektonisch habe sich in den letzten Jahren vieles verändert: «Bei einem grossen Neubau ist der Holzanteil meist praktisch null, das ist leider so.» Trotzdem sind die Holzexperten unabdingbar: «Der Zimmermann macht eher die groben Holzarbeiten und arbeitet vorwiegend auf der Baustelle. Der Schreiner hingegen kümmert sich um die feineren Holzarbeiten. Die bringen wir dann auf die Baustelle, wie auch den Türrahmen, den wir gesehen haben.» Die heutige Besprechung mit den Zimmermännern dauert nicht lange. Alle wissen, auf welcher Baustelle sie was erledigen müssen und beginnen bereits die Lastwagen mit dem nötigen Material zu beladen.

Unter den Zimmermännern gibt es folgende Hierarchie: Zimmermann, Vorabreiter, Polier und Meister. Thomas ist Meister und Guido Bertschinger ist der Polier und damit auch Thomas’ Stellvertreter, der die zehn Zimmerleute führt. Wenn eine Frau Zimmermann ist, wird sie übrigens als Zimmerin betitelt – aktuell arbeitet allerdings keine Frau für Thomas. Guido ist das Pendant zu Paul Rüegsegger aus der Schreinerei und trägt die Hauptverantwortung in der Zimmerei. Nebst der Lehrlingsbetreuung hier im Betrieb ist er auch kantonaler Prüfungsexperte. Die Zimmermann-Lehrabschlussprüfung dauert eine ganze Arbeitswoche. Davon wird einen Tag lang das Allgemeinwissen getestet, einen weiteren Tag das Fachwissen und zum Schluss kommt noch eine dreitägige praktische Prüfung. «Ich bin das Herz der Bude», sagt Guido mit einem ruhigen Lächeln; immerhin ist auch er bereits seit 26 Jahren beim Dietliker Holzbau am Zimmern und absolvierte bereits seine Lehre hier. Die Lieferwagen sind in der Zwischenzeit beladen und abfahrbereit. Wie eine kleine Flotte verlassen sie die Zimmerei und fahren zu den verschiedenen Baustellen aus, um am Abend dann wieder in den «Hafen» zurückzukehren.

Rund ums Holz

Auf dem Hauptgebäude sticht das grosse Silo von etwa 150 m3 sofort ins Auge. Dieses wird von Thomas mit Brennholz-Schnitzeln gefüllt und füttert anschliessend die Heizung. Alle zwei bis drei Tage kontrolliert Thomas die Heizung: «Wir heizen alles mit Holz.» Der Heizraum befindet sich im L-förmigen Hauptgebäude gleich gegenüber von der Zimmerei. Thomas dreht sich um und zeigt auf deren Aussenwand. Hier befindet sich stapelweise Brennholz auf Palletten: «Ich verwerte natürlich unsere Holzreste, erhalte manchmal aber auch Holz von auswärts.» Dieses Brennholz habe er beispielsweise von der Gewerbeschule erhalten.

Thomas hat zwei grosse Holzlager auf seinem Gelände. Das eine befindet sich gleich hinter der Zimmerei und das zweite im Dachstock der Schreinerei. Die Raumtemperatur und die Luftfeuchtigkeit bieten hier gute Bedingungen, um Holz zu lagern. Alles ist sorgfältig und klar angeschrieben: Esche, Nussbaum, Eiche usw. «Wir müssen dem Kunden natürlich immer das richtig Holz bringen», sagt Thomas und läuft durchs Lager oberhalb der Schreinerei. Holz gibt es in den unterschiedlichsten Farben wobei es sich im Laufe der Zeit auch verändert. Äussere Umweltfaktoren wie zum Beispiel Regen, Sonne und Temperatur tragen zu dessen Verwitterung bei. Thomas kauft sein Holz fast ausschliesslich in der Schweiz ein: «Nicht einmal fürs Gewissen; der Einkauf im Ausland ist einfach sehr kompliziert, darum bestelle ich immer via einem Schweizer Händler.» Neben dem Lager, in welchem halbe Bäume liegen, gibt es noch das Kleinteil-Lager. «Man muss natürlich immer einen gewissen Grundstock an Lager haben», erklärt Thomas. Teilweise sei es ausserdem nicht möglich, Teile einzeln zu bestellen, dann werde die überschüssige Ware hier gelagert und bei Bedarf verwendet.

«Ich merke manchmal gar nicht mehr, wie schön es hier ist und bin immer froh, wenn mich wieder jemand darauf aufmerksam macht.»

Bei der Holzverarbeitung plant man vom Grossen ins Detail. «Heutzutage können wir alles auf den Millimeter genau planen», sagt Thomas und zeigt am Computer ein 3D-Programm zur Bauplanung. Diese Programme sind sehr komplex und man benötigt dazu nicht nur ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen, sondern auch die Fähigkeit diese Vorstellung digital am Bildschirm zu skizzieren. Die Digitalisierung sei auch im Holzbau Fluch und Segen zugleich: «Allgemein werden sicherlich weniger Fehler eingeplant, weil man diese früher erkennen kann. Damit steigen aber automatisch auch die Ansprüche der Kunden.» Wenn die Pläne einmal gezeichnet sind, werden sie ausgedruckt und auf einer grossen Platte befestigt, damit das Papier nicht lose herumfliegt und verloren geht. Thomas läuft in sein Büro zurück, um noch einige Offerten fertig zu stellen. Die Aussicht aus seinem Büro gleicht einem Postkartensujet: Auf der saftig grünen Wiese vor seinem Wohnhaus weidet eine Herde Schafe, die Bäume tragen ihr neues Laubgewand und die Alpen sind auf ihren Bergspitzen noch schneebedeckt, als hätte jemand Puderzucker darauf gestreut. «Ich merke manchmal gar nicht mehr, wie schön es hier ist und bin immer froh, wenn mich wieder jemand darauf aufmerksam macht», sagt Thomas und verschwindet in seinem Büro.

Spontane Ausfahrten

Um 8.30 Uhr packt Thomas seine Arbeitsmappe und macht sich auf den Weg zur spontanen Baustellenbesichtigung. Thomas ist gross gewachsen, sein Haar grau-meliert und die blauen Augen werden von einer dezenten Brille unterstützt. Heute trägt er ein grünes Polohemd mit einem schwarzen Pullover, auf der linken Brust mit dem Dietliker Holzbau Logo geziert. Nebst der praktischen Funktionskleidung trägt Thomas heute bequeme Turnschuhe. Auf der Baustelle angekommen, fällt einem sofort das kleine Tannenbäumchen, das sogenannte Richtbäumchen auf, das stolz ganz zuoberst auf dem Gerüst steht. «Sobald das Gebälk im Dachstock gebaut ist, kann man ein Bäumchen aufstellen», sagt Thomas beim Betreten der Baustelle. Es sei gar nicht so einfach, ein solches Bäumchen zu organisieren. «Ich kann ja nicht ein x-beliebiges im Wald absägen.» Beim Dietliker Holzbau habe man aber Glück, da Guido – der Zimmermanns Polier – noch Jäger sei und somit die richtigen Kontakte habe. Die Baustelle dieses Einfamilienhauses zählt zu den kleineren und kann daher ohne Helm betreten werden. Thomas betont aber: «Normalerweise ist immer Helmpflicht auf den Baustellen.» Auf der Rückbank seines Autos liegt daher auch immer ein Helm bereit für den Fall, dass er wie heute spontan auf eine Baustelle muss. Seine Mitarbeiter sind hier mit der Isolation des Dachstocks beschäftigt. Oft steht und fällt die Qualität eines Hauses mit seiner Isolation. Die warme Luft vom Inneren des Hauses will nach draussen und dadurch bildet sich an den Wänden und der Decke Kondenswasser. Ziel einer Isolation ist es, dass keine (warme) Luft nach draussen gelangt. Darum wird auf die Isolationswolle noch ein Plastik befestigt: «Das ist wie wenn du einen Plastik, zum Beispiel beim Zelten, auf die erwärmte Wiese legst; sie schwitzt sofort. Mit dem Plastik fangen wir die Wärme und das Kondenswasser ab und sorgen dafür, dass es nicht schimmelt.» Thomas besichtigt die Baustellen vorwiegend, wenn es offene Fragen gibt, er Organisatorisches regeln muss, oder wie hier, wenn er sich über den Stand der Dinge erkunden möchte.

In der Nähe der Baustelle gönnen sich die Arbeiter zusammen mit Thomas eine Znünipause. Die beiden Zimmermänner trinken einen Kaffee und hinterher noch ein Redbull. Grinsend sagen sie: «Dann sind wir nachher wieder topfit!» Man unterhält sich über die Arbeitskleidung, die in diesem Job sehr wichtig ist. «Als Zimmermann ist man auch im Winter auf dem Bau, da ist die richtige Kleidung sehr wichtig», sagt Thomas. Der Rohbau eines Gebäudes ist ihr Arbeitsplatz und da kann bei fast jedem Wetter gearbeitet werden. «Diese Burschen sind wind- und wetterfest», sagt Thomas und fügt hinzu: «Sie sind verhältnismässig auch weniger krank.» Selbst bei Minustemperaturen können die Zimmermänner noch arbeiten, während den Maurern beispielsweise das Material dann einfriert. An diesem milden Frühlingstag müssen sich die jungen Männer jedoch keine Sorgen machen, kalt zu haben und gehen wieder zurück auf die Baustelle. Thomas fährt derweil zurück nach Wetzikon ins Büro.

Lange bleibt er nicht in seinem Büro. Eine Kundin hat angerufen und wünscht sich ein neues Balkongeländer. Solche Anfragen nimmt Thomas persönlich entgegen und inspiziert die Ausgangslage auch gleich selber. Unweit von der Dietliker Holzbau AG wird er von dem Ehepaar in Empfang genommen. Zusammen gehen sie in den Garten und machen sich ein Bild von der Lage. Sachlich und ruhig erklärt Thomas die Situation und zeigt auf die Holzteile, die ersetzt werden müssen und jene, die man noch stehen lassen kann. Ein, zwei Mal zückt Thomas seinen Meterstab. Nach einem kurzen Schwatz verabschiedet er sich von den Kunden mit einem warmen Händedruck und fährt zurück.

«Während dieser Zeit haben wir wundervolle Menschen getroffen und das Leben wieder doppelt schätzen gelernt.»

Mittagspause und Familienangelegenheiten

Pünktlich um 12 Uhr fährt Thomas heute ausnahmsweise ins Steiner Café in Wetzikon Kempten. «Heute ist meine Frau nicht zuhause, dann esse ich auswärts», sagt Thomas, der normalerweise über den Mittag zuhause isst. Thomas setzt sich draussen auf die Terrasse, die heute von der Sonne geflutet wird und bestellt ein Mittagsmenu. Er selber habe eine Zimmermann-Lehre gemacht und nach dem Militär noch eine verkürzte Schreinerausbildung. Mit diesem Werdegang qualifizierte er sich als Nachfolger seines Vaters: «Ich wurde nie in diese Richtung gezwängt, es hat sich einfach so ergeben.» Er selber hat drei erwachsene Kinder, zwei Mädchen und einen Jungen, der bereits in der Primarschule angekündigt habe, dass er nie ein Handwerker werde. Einen direkten Nachfolger für die AG gibt es nicht, aber darüber mach sich Thomas heute noch keine Sorgen. Seine Frau arbeitet als Klassenassistenz, das sei aber auch erst möglich gewesen, seit die Kinder draussen sind. «Ich sage immer, das ist ein Grossmutterjob», meint Thomas und betont, dass er das in keiner Weise abschätzend meine, im Gegenteil. Das Paar hatte noch eine vierte Tochter, die mit einer schweren Behinderung zur Welt kam. Man habe von Geburt an gewusst, dass die Lebenserwartung nicht sehr hoch sei: «Während dieser Zeit haben wir wundervolle Menschen getroffen und das Leben wieder doppelt schätzen gelernt.»

Arbeitsplatz Baustelle

Nach einer entspannten Mittagspause und mit einem vollen Bauch, geht es für Thomas wieder auf die Baustelle. Dieses Mal sind seine Mitarbeiter noch nicht am Zimmern. Bei dieser Sitzung geht es um die Planung der Bauarbeiten. Der Architekt hat zu dieser «Details-Sitzung» eingeladen, damit alle involvierten Parteien auf den gleichen Wissensstand kommen. «Ich weiss nicht genau, was mich erwartet, aber schauen wir mal», sagt Thomas ruhig und betritt die Schulhaus-Baustelle in Pfäffikon ZH. Hier handelt es sich um ein öffentliches Gebäude und die Bauarbeiten sind noch in ihren Anfangsstadien. Die Baustelle ist ein organisiertes Chaos: Ein Betonmischer da, eine Schubkarre dort, lose Paletten liegen herum und das Gebäude ist noch ein kahler Rohbau, der noch in sein Gewand – seine Fassade – verpackt werden muss. Thomas sucht inmitten der Bauarbeiter nach dem Verantwortlichen und stampft über das Gelände, verschwindet kurz ins Dunkle des Rohbaus, um anschliessend in einer Baracke etwas abseits fündig zu werden. Die Baracke ist ein Container und das Zuhause der Bauarbeiter während der Konstruktion. In dem engen Raum zwängen sich nun sechs Männer um einen kleinen Tisch, der von den Bauplänen wie ein Tischtuch gedeckt wird. Sofort übernimmt der Architekt das Zepter und stellt die Herren einander vor: Metallbauer, Elektroniker, Flachdach-Spezialist, sein Assistent sowie Thomas, der für den Holzbau verantwortlich ist. Schnell wird klar, dass noch jemand fehlt: der Fassaden-Spezialist. Der Architekt zückt sein Smartphone und ruft den Herrn an. Wie sich herausstellt, ist dieser jedoch in den Ferien und somit wird eine Stellvertretung geschickt, die kurz darauf auf der Baustelle auftaucht. Die Sitzung kann weitergehen. Auf engstem Raum werden nun die wichtigsten Punkte zusammen besprochen und alle anwesenden Spezialisten geben ihr Fachwissen zum Besten. Beim Thema Fassade, begibt sich die Truppe nach draussen, um die Situation gleich vor Ort zu begutachten. Lange wird diskutiert und die beste Lösung für die Fassade besprochen, um anschliessend wieder im Con-tainer Platz zu nehmen und weitere offene Punkte zu debattieren. Der Architekt und Bauherr versucht den Überblick zu wahren und sein Assistent führt Protokoll. «Muss das auch ich machen?», fragt der Flachdächler. Nicht immer scheint klar zu sein, welcher Experte für welche Bauetappe zuständig ist und schnell wird einem wieder bewusst, wie komplex so ein Hausbau ist. «So und jetzt zu den Terminen», kündet der Architekt nach langen Diskussionen an. Thomas ist bei diesem Bau für die Aussenwärmedämmung zuständig und diese kommt ganz zum Schluss, sodass für ihn terminmässig alles klar ist: «Braucht es mich noch?» Die Herren verneinen alle, bedanken sich bei ihm und Thomas kann die Sitzung frühzeitig verlassen. Sein Weg führt ihn einmal mehr zurück nach Wetzikon.

Tradition und ein Feierabendbier

Als erstes hört Thomas das Tonband seines Anrufbeantworters ab und notiert sich beim Zuhören die Nummern zum Rückruf. Die Tore zur Zimmerei sind noch immer offen und warten auf die ausgefahrenen Lieferwagen. An einem Arbeitstisch in der Halle haben sich zwei Lehrlinge ausgebreitet. Für ein Schulprojekt müssen sie ein Modell bauen und nutzen ihre Freizeit, um die Schulaufgaben hier in ihrem vertrauten Umfeld zu erarbeiten. Guido beobachtet die beiden aus der Distanz mit einer Zigarette im Mundwinkel. Ist das nicht gefährlich, in einer Zimmerei zu rauchen? «Früher gab es das Risiko einer Staubexplosion; das ist heute, dank viel besseren Staubsaugern, praktisch gleich Null», erklärt er gelassen. Ganz allgemein strahlt Guido eine Ruhe aus, wie sie nur selten beobachtet werden kann und ihm eine natürliche Autorität verschafft. Derweil erklärt er die Tradition der Walz: «Das sind die Wanderjahre der Zimmermänner. Diese dauern entweder zwei Jahre und einen Tag, oder drei Jahre und einen Tag und man muss mindestens 50 Kilometer von zuhause weg sein und kann gegen Kost und Logis jeweils bis zu zwei Wochen auf einer Baustelle mitarbeiten. Heute werden die Männer meistens mit Geld entlohnt.» Die Walz dient vor allem dazu, sich neue Arbeitspraktiken anzueignen und Lebenserfahrung zu sammeln. Guido war selber nie auf der Walz: «Ich könnte auch heute losziehen, aber ich habe eine Frau und Kinder zuhause, die hätten wohl nicht so Freude», sagt er mit einem lausbübischen Lächeln.

«Das sind die Wanderjahre der Zimmermänner. Diese dauern entweder zwei Jahre und einen Tag, oder drei Jahre und einen Tag und man muss mindestens 50 Kilometer von zuhause weg sein.»

In der Zwischenzeit ist ein weiterer Lehrling in der Zimmerei aufgetaucht und gesellt sich zu seinen Kollegen. Etwas scheu kommt der eine auf Guido zu, um nach Hilfe zu fragen. Stoisch läuft er an den Werktisch, wirft einen Blick auf den Modell-Plan und meint neckisch: «Habt ihr den Plan etwa auf dem Kopf angeschaut?» Er justiert die Zeichnung der Lehrlinge mit wenigen Linien und zeigt ihnen so den kleinen Denkfehler auf. Aufmerksam schauen sie dem Routinier zu und bedanken sich.

Derweil erledigt Thomas Büroarbeiten, bis alle wieder zuhause – also zurück im Betrieb – sind und ihren Stundenrapport ausgefüllt haben. Einmal wöchentlich kontrolliert und ergänzt er diese, ehe er sie an die Sekretärin weitergibt. Nach und nach kommen alle von den Baustellen zurück und ein kaltes Bier steht auch schon bereit. «Ein Feierabendbier vor dem Wochenende darf sein», sagt Thomas und betont, dass das auch wichtig für den Teamgeist sei. Für ihn gibt es heute Abend ein Nachtessen mit seiner Frau, die aus den Ferien zurückkehrt. Ausserdem hat er sich fest vorgenommen, noch etwas auf seiner Tuba zu üben. Als engagiertes Mitglied in einer Blaskapelle und der Harmonie Wetzikon findet er in der Musik seinen Ausgleich: «Wenn ich Tuba spiele, bin ich in einer anderen Welt, für einmal eine ohne Holz.»

«Wenn ich Tuba spiele, bin ich in einer anderen Welt, für einmal eine ohne Holz.»​

// Dieses Portrait ist in Zusammenarbeit mit dem Gewerbeverein Wetzikon entstanden.

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