Handwerken für die Zukunft

in Wetzikon, Switzerland

Drei Lebensziele hat sich Reto Anderegg gesetzt und verfolgt diese Tag für Tag. Der gelernte Teppich- und Parkettleger investiert viel in den Nachwuchs und findet seinen Ausgleich beim Sport.

Der Dienstag beginnt bei Reto Anderegg, dem Inhaber der Rero-Text AG, immer gleich: mit Joggen. Und das schon um 6.30 Uhr. Während draussen noch finstere Nacht herrscht, rennt Reto bereits zusammen mit einem Freund um den Pfäffikersee. Am heutigen Tag, einem Tag im winterlichen Januar, ist dies durchaus zu bewundern: Die Temperaturen sind deutlich unter Null und die Kälte peitscht einem ins Gesicht.

Als sich draussen allmählich die Sonne zeigt, sitzen wir in den wohlig warmen Büroräumlichkeiten der Rero-Tex AG, warten auf die Rückkehr von Reto und trinken gemütlich einen Kaffee. Mit dabei beim frühmorgentlichen Kaffeekränzli ist «Streuli» die Bürokatze.

Gegen acht Uhr treffen die beiden Morgensportler im Büro ein. Verschwitzt und ausser Atem greifen sie zuerst zu den frischen Smoothies, die ihnen die sympathische Assistentin Katja bereits im Vorfeld zubereitet hat. Es folgt ein kurzes Dehnen der strapazierten Muskeln und dann geht’s auch schon unter die Dusche. Und weg sind sie.

Mit noch tropfnassen Haaren erscheint Reto nach knapp zehn Minuten wieder im Büro. «Ich bin immer im Schuss», sagt er und schnürt sich die Schuhe zu. Seine Assistentin erscheint und bringt ihn ins Bild über die anstehenden Termine. «Oh, der 9.30 Uhr Termin in Zürich könnte etwas knapp werden», meint er, während er sich sein Jackett überzieht. Ohne noch mehr Zeit zu verlieren, macht sich Reto auf zu seinem Auto. Er muss den Boden einer Mietwohnung inspizieren: «Ob man überhaupt eine Reparatur machen muss, kann ich aber erst vor Ort sagen.»

Die Rero-Tex wurde von Retos Vater 1978 unter dem Namen Rero-Tex Jean Anderegg gegründet. Reto selber war ab 1986 in das Unternehmen als Lehrling, Monteur, Chefleger und Eidg. dipl. Bodenlegermeister involviert. Er verliess die Rero-Tex 1991, arbeitete ein Jahr als Stellvertretender Geschäftsführer bei einer grossen Bodenbelagsfirma in Winterthur und machte sich danach selbstständig. Nach drei Jahren holte ihn sein Vater wieder zurück ins Familienbusiness und 1996 gründete er dann die Rero-Tex AG. Dieses Jahr wird deshalb bereits das 20-jährige Jubiläum der AG gefeiert und gleichzeitig ist er seit 20 Jahren verheiratet. Das Jahr 2016 gibt es also viel Anlass zum Feiern.

In Zürich angekommen, parkt er auf einem Parkplatz und holt die Parkzonenkarte hervor. Ehe er sie aufs Armaturenbrett legt, schaut er kurz auf die Rückseite: Dort hat er ein Foto von seinen beiden Söhnen befestigt. Ob einer der Söhne mal sein Nachfolger wird steht noch in den Sternen: «Da beide noch sehr jung sind, kann man das noch nicht definitiv sagen – aber schön wäre es natürlich schon.» In der Wohnung angekommen sagt er: «Ich mache immer gleich ein Foto vor Ort, damit ich es meinen Monteuren zeigen kann. Man weiss nie, wie schlimm der Schaden ist, wenn man es nicht selber gesehen hat: «Das hier ist jetzt eine anspruchsvolle Reparatur, da es sich um eine tiefe Beschädigung über zwei Paneelen handelt und wir in diesem Zimmer Fischgrätparkett haben.» Fachmännisch erklärt Reto: «Im konkreten Fall müssen die beschädigten sowie möglicherweise auch die Nachbarspaneelen herausgenommen und ersetzt werden, da bei so tiefen Kratzern die Gefahr besteht, dass sie durch Nässe und Feuchtigkeit schwarz werden.»

Der zweite Termin an diesem Morgen bringt ihn in eine leerstehende Wohnung in Dübendorf, ebenfalls vor einem Mieterwechsel. Der Parkett muss geschliffen und lackiert werden. Reto ist in diversen Organisationen (Swiss Floor, Boden Schweiz u.v.a.) engagiert und erweitert seinen Horizont stetig. Erst jetzt gerade war er in Hannover an der «Domotex», der Weltleitmesse für Teppiche und Bodenbeläge: «An solchen Messen verhandle ich mit Lieferanten und suche nach interessanten Materialien und Artikeln, wie zum Beispiel die auf Kork aufgezogenen Schieferplatten, die ich in der Ausstellung in Wetzikon habe.»

«Ich weiss nie, was mich erwartet»

In Dübendorf angekommen, geht er in die leerstehende Wohnung und kurbelt die Storen hoch, um etwas Licht in die Wohnung zu lassen: «Ich weiss nie, was mich erwartet.» Auch hier muss überprüft werden, ob es nicht noch grössere Schäden zu reparieren gibt, ehe die neuen Mieter einziehen. Er misst die Räumlichkeiten mit Hilfe eines Lasergerätes aus und notiert sich die Masse. Ein letzter Kontrollblick in alle Zimmer, die Storen wieder geschlossen, verlässt er nach kurzer Zeit die Wohnung. Wir sind beeindruckt, dass Reto höchstpersönlich beim Kunden vorbeischaut und nicht einfach einen Monteur vorbeischickt: «Ich möchte an der Front bleiben und schätze den direkten Kundenkontakt sehr.»

«Sport ist sozusagen meine Prävention vor einem Burn-out»

Reto ist zwar auch heute noch viel unterwegs und vor Ort, doch selber Boden- beziehungsweise Parkettlegen tut er nicht mehr. Diese physische Anstrengung bleibt ihm in seiner Rolle als Geschäftsführer erspart. Dennoch braucht er einen Ausgleich, den er im Sport gefunden hat: «Sport ist sozusagen meine Prävention vor einem Burn-out.» Sein Sportplan ist ambitiös und hat einen sicheren Platz in seiner Wochenplanung:

Montag: über Mittag ins Fitnessstudio im Nachbargebäude
Dienstag: Morgens um den Pfäffikersee joggen
Mittwoch: Abends ins Crossfit-Training
Donnerstag: Abends Tennis mit einem Freund
Freitag: Sportfrei
Wochenende: diverse Aktivitäten mit der Familie

Um ca 11.00 Uhr ist er wieder zurück in Wetzikon. Auf seinem Terminkalender steht als nächstes ein Beratungsgespräch. Der Kunde sucht einen geeigneten Parkettboden für eine neue Wohnung. Reto hat viel Erfahrung, kann stets gezielt Auskunft geben und merkt schnell, was der Kunde eigentlich braucht. Die Pläne der Wohnung werden besprochen, die Wünsche notiert und im Lager wird sogar auf den verschiedenen Parketten testgelaufen. Am Ende entscheidet sich der Kunde für eine edle Landhausdiele und verabschiedet sich.

«Es ist nicht immer ganz einfach, privates und geschäftliches zu trennen, aber das lernt man auch mit den Jahren»

Zum Mittagessen trifft sich Reto im Restaurant des Swiss Star Hotels mit einem Lieferanten für Lacke und Leime. Mit dabei ist auch Retos Stellvertreter und langjähriger Freund Ivo Allemann. Ivo war von Anfang an dabei und über all die Jahre dem Unternehmen treu geblieben. Lediglich einen kleinen Unterbruch von drei Monaten habe es gegeben, erzählt er stolz. Schnell merkt man, dass Reto und Ivo ein eingespieltes Team sind. Oft reicht es schon, wenn sich ihre Blicke kreuzen, und beide wissen, was der andere denkt. Solche Business-Lunches seien sehr wichtig und bieten eine optimale Gelegenheit zur Kundenpflege. In diesem Fall wurde sogar Freundschaft daraus. «Es ist nicht immer ganz einfach, privates und geschäftliches zu trennen, aber das lernt man auch mit den Jahren», lacht Reto und klopft Junus, dem Lieferanten, kollegial auf die Schultern. Nach dem Essen geht’s zurück ins Geschäft.

Als erstes schreibt er die Offerte für die Parkettsanierung der Wohnung in Dübendorf und hofft, den Auftrag zu bekommen. «Da ich gerne stets im Bilde über all die Aufträge und laufenden Offerten sein möchte, muss ich viel visieren», erzählt Reto während er mit der Lesebrille auf der Nasenspitze schwungvoll und routiniert sein Kürzel auf verschiedene Dokumente kritzelt.

«Ich habe drei Ziele im Leben: Die Familie, mein Geschäft und Lehrlinge auszubilden»

Für sein Leben hat sich Reto drei Ziele gesetzt: «Die Familie, mein Geschäft und Lehrlinge auszubilden.» Mit dem Jungvolk sei es aber nicht immer ganz einfach: «Ich habe schon fast alles erlebt mit den Jungen. Seien das Familien- oder Drogenprobleme, schlechte Leistungen oder unangebrachtes Benehmen. Ich übernehme auch immer wieder «schwierige» Fälle und hoffe, diese auf den richtigen Weg zu bringen, was uns zum Glück auch meistens gelingt.» Zur Zeit beschäftigt die Rero-Tex AG fünf Lehrlinge; vier eigene und einen, der das dritte Lehrjahr wiederholt, da er in seiner ursprünglichen Lehrstelle Probleme hatte. Reto ist in der Branche bekannt dafür, dass er sich für «schwächere» Lehrlinge einsetzt. «Da kommt ab und zu ein Telefonat eines Obenstufenlehrers, ob ich nicht noch einen Ausbildungsplatz frei habe; dann weiss ich jeweils sofort, worum es geht», meint Reto mit ernster Miene. «Wir sind hier im Betrieb halt direkt. Bei uns wissen die Jungen, woran sie sind», beschreibt er sein Erfolgsrezept.

Reto ist zudem Meister und nimmt auch Lehrabschlussprüfungen in der Curlinghalle in Wetzikon ab. Während dieser Zeit wird die Halle so umgebaut, dass die Lernenden ihr Können an für sie vorgefertigten Modellen unter Beweis stellen können. Einer der Lehrlinge zerbricht sich in diesem Moment in der Werksatt den Kopf über ein ähnliches Modell. Er übt für die praktische Prüfung, die er beim ersten Mal nicht bestanden hat. «Ich bin froh, habe ich hier bei der Rero-Tex AG eine zweite Chance bekommen. Das Team ist cool, es gefällt mir hier», erzählt der Lehrling während er die richtigen Masse auf ein Holzbrett einzeichnet. Lehrling kann man aber nicht nur als Jugendlicher sein: Zur Zeit hat Reto in seinem Team auch einen Eritreer anfangs 30, der im Rahmen eines Integrationsprogramms eine Lehre bei der Rero-Tex absolviert. Reto ist überzeugt, dass eine Lehre als Handwerker für viele eine Chance, ja sogar eine Lebensschule sein kann: «Als Erstausbildung einen handwerklichen Beruf zu erlernen ist nach wie vor eine sehr gute Investition und das Weiterbildungsangebot ist sehr gross.»

«Ich habe schräge Schultern, das kommt noch von früher, als wir immer die schweren Teppichrollen tragen mussten»

«Früher verlegte man viel mehr Teppiche, doch in den letzten Jahren hat sich das geändert – Parkett ist hoch im Kurs», erzählt Reto. Dennoch haben textile Beläge ihre Vorzüge: «In einem Asthmatikerzentrum beispielsweise liegt Teppich, nicht Parkett. Der richtige Teppich ist pflegeleichter als Parkett. Teppich fängt Staub viel besser auf und wenn du alle paar Tage einen Teppich staubsaugst ist das im Endeffekt hygienischer als Parkett.» Der Trend zu Parkett und weg von Teppich hat aber auch seine guten Seiten: «Ich habe schräge Schultern, das kommt noch von früher, als wir immer die schweren Teppichrollen tragen mussten. Wir haben damals in vielen Tennishallen die Beläge verlegt.» Ivo teilt ihm beiläufig mit, dass sie den Auftrag für die Parkettsanierung in der Wohnung in Dübendorf bekommen haben und für nächste Woche einplanen. «Das ging ja schnell», stellt Reto sichtlich erfreut fest.

Während er seine Büroarbeiten erledigt, erzählt Reto, dass es als KMU immer anspruchsvoll ist und er immer am Ball bleiben muss. Während er mit Elan die Offerte des ersten Kunden vom Morgen zusammenstellt, schmiegt sich Streuli um seine Beine. Draussen dunkelt es langsam ein. Die Handwerker sind zurückgekommen und räumen die Lieferwagen aus; gleichzeitig ertönen fröhliche Stimmen aus der Werkstatt. Reto will wissen, wie es bei den Kunden war, was erledigt wurde und was noch ansteht. Die Jungen klopfen Sprüche und freuen sich auf den Feierabend. Reto witzelt mit und sie brechen in schallendes Gelächter aus. Nachdem alle Fragen geklärt und alle Werkzeuge aufgeräumt sind, verabschieden sich die Mitarbeiter nach und nach. Und Reto freut sich auf einen gemütlichen Abend mit seiner Familie.

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Dieses Portrait ist in Zusammenarbeit mit dem Gewerbeverein Wetzikon entstanden.

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