Frohnatur, Unternehmer, Philosoph

in Kathmandu, Nepal

Der aufgeweckte Nepalese Abhi gewährt Einblick in seine Weltauffassung und regt mit seinen philosophischen Äusserungen zum Nachdenken an.

Abhi empfängt mich mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht. Vom ersten Moment an fühle ich mich bei ihm sicher und geborgen. Seine Heiterkeit, seine wachen Augen und seine ruhige Stimme geben mir Vertrauen. Etwas mulmig war mir nämlich schon zumute, als ich mich nach einer holprigen Taxifahrt durch halb Kathmandu an einer verlassen wirkenden Tankstelle irgendwo in einem Aussenbezirk der grössten Stadt Nepals wiederfand­ und nicht so recht wusste, ob dieser junge Mann, mit dem ich bisher nur per E-­Mail Kontakt hatte, auch tatsächlich auftauchen würde. So sicher kann man bei den Nepalesen nie sein, wenn es um Termine geht. Aber meine Zweifel waren völlig unbegründet und kurz darauf durfte ich erfahren, was nepalesische Gastfreundschaft bedeutet.

Abhimanyu Laxmi Prasad Humagain, den alle nur Abhi nennen, lebt mit seinem älteren Bruder, dessen Frau und seiner jüngeren Schwester in einem kleinen Haus in Kathmandu. Aufgewachsen ist er im Terai Gebiet im Süden des Landes, wo seine Eltern noch heute leben. Die soziale Stellung seiner Familie hat allen Kindern eine hervorragende Schulbildung ermöglicht. Alles andere als selbstverständlich in Nepal, einem Land, das im Human Development Index der Vereinten Nationen einen der hintersten Ränge belegt. Nach dem Erlangen des Diploms zum Englischlehrer hat Abhi an der Tribhuvan University of Nepal den Master in Englischer Literatur absolviert. Damit nicht genug, in Kürze schliesst er auch den Master of Philosophy in Educational Organisation ab. Während dieses zweiten Studiums sammelte er praktische Erfahrung bei der Mitarbeit als Koordinator verschiedener Bildungskampagnen von Hilfsorganisationen in abgelegenen und ländlichen Regionen Nepals.

Frohnatur, Unternehmer, Philosoph - dies sind die drei Charaktere, die sich in Abhis Wesen vereinen. In der kurzen Zeit, die ich mit ihm verbringe, offenbart er mir jede dieser drei Seiten. Teilweise komme ich aus dem Staunen gar nicht mehr heraus; Abhis Kopf ist voller Ideen, sodass seine Theorien und Visionen im gemeinsamen Gespräch nur so aus ihm heraussprudeln. Er sieht die Welt auf seine ganz eigene, positive Weise und er sieht eine Welt, die sich formen und verändern lässt.

Abhi, die Frohnatur

Gastfreundschaft ist in Nepal keine leere Floskel und wird sehr ernst genommen. Beim Begrüssungsritual führt demnach auch kein Weg am «Milk Tea» vorbei. Abhis Familie will sichergehen, dass ich mich rundum wohlfühle und bereitet sofort eine Pfanne des süssen Getränks zu. Obwohl in der Küche ein kleiner Gasherd steht, wird der Tee auf einer Kochnische im winzigen Innenhof mit Feuerholz zubereitet. Das macht mich stutzig. Abhi erzählt von der schwierigen Situation in Nepal. Die Erdbeben im April und Mai des letzten Jahres waren tragisch, aber nachdem sich die Bevölkerung Nepals wieder etwas aufgerappelt hatte, kam gleich der nächste Hammer: Die Ende September verabschiedete Verfassung löste grosse Tumulte aus, bei denen seither über 50 Tote zu beklagen sind. Ethnische Minderheiten fühlen sich nicht respektiert, pochen auf mehr Mitspracherecht und protestieren vehement gegen dieses neue Grundgesetz. Diese Unruhen gipfelten schliesslich in einer Blockade der Zufahrtsstrassen aus Indien.

«Wie auch immer, wir überleben auch dies mit einem fröhlichen Herzen, das kann uns keiner nehmen»

Benzin, Kochgas, Nahrungsmittel: All diese lebenswichtigen Güter kommen seither nicht mehr oder nur noch sporadisch über die Grenze nach Nepal. Die Folgen sind - auch für Touristen - überall spürbar: Zahlreiche Restaurants mussten schliessen oder bieten nur eine stark reduzierte Auswahl an Speisen an, da das Gas fürs Kochen fehlt. Wer dieser Tage ein Taxi erwischt, kann von Glück reden, denn die Preise für sämtliche Transportmittel sind in die Höhe geschossen. Es ist vergleichsweise ruhig auf den Strassen Kathmandus, Taxis reihen sich zu Hunderten auf abgelegenen Strassen dicht aneinander ­– sie alle haben kein Benzin. Der Schwarzmarkt blüht und nur wer es sich leisten kann, kommt noch an die vielen rar gewordenen Güter des täglichen Bedarfs. Die Bevölkerung findet sich irgendwie mit der Situation ab und versucht, ganz nach nepalesischer Art, das Beste daraus zu machen. «Wie auch immer, wir überleben auch dies mit einem fröhlichen Herzen, das kann uns keiner nehmen», sagt Abhi und unterstreicht damit seine stets positive Haltung, egal welche Wendungen das Leben für ihn bereit hält.

Abhi, der Unternehmer

Wir streifen durch die Strassen Kathmandus und ich sauge das geschäftige Treiben um mich auf. Vor einem Haus wird gerade eine Ziege geschlachtet, während nebenan eine alte Frau auf einer beinahe antiken Singer­-Nähmaschine, die bei uns wahrscheinlich im Museum stehen würde, ein Paar Hosen flickt. Auf den in Nepal so beliebten Trekking-Wanderungen bereisen jedes Jahr hunderttausende Touristen die majestätische Bergwelt. Aber nicht nur die Natur lässt sich mit eigener Muskelkraft am besten entdecken, auch die Atmosphäre Kathmandus eröffnet sich einem zu Fuss am besten.

Eine Wanderung war es auch, die Abhi zum Unternehmer machte. Als Projektkoordinator und Dolmetscher schloss er sich dem Projekt «Solar Wanderkino Nepal» an, welches erstmals 2013 auf Tour ging. Gegründet wurde diese Initiative von den beiden Schweizern Maria Suhner und Jorrit Bachmann. Mit zwei Maultieren und einer ganzen Ladung technischem Equipment wanderte das schweiz-­nepalische Team von Dorf zu Dorf, um mit der Landbevölkerung kurze Dokumentarfilme zu realisieren und anschliessend auf der mitgebrachten Leinwand allen Dorfbewohnern vorzuführen. Thematisiert wurden in diesen Kurzfilmen beispielsweise alte Traditionen wie Volkstänze oder wie ein lokales Schulsystem verbessert werden könnte. Aber auch sehr heikle Themen wurden von den Dorfbewohnern angegangen, wie zum Beispiel das Kastensystem oder wie es sich wohl für eine Frau anfühlt, wenn sie fünf bis zehn Tage während ihrer Menstruation auf dem Feld oder im Stall leben muss.

Diese ungewöhnliche kulturelle Zusammenarbeit wurde auch in den Folgejahren fortgesetzt. Seit kurzem hat der Unternehmer Abhi nun das Ruder übernommen. Mit einer grossen Portion Ehrgeiz und seiner unermüdlichen Motivation ist es sein Ziel, das «Solar Cinema Nepal» auch künftig erfolgreich weiterzuführen. Dies ist für Abhi nicht ohne Risiko. Um sich ganz dem Solar Cinema zu widmen, hat er seine bisherige Arbeit für Hilfswerke aufgegeben. Allen Risiken zum Trotz hat sich Abhi für diesen Weg entschieden. Mittlerweile ist das Wanderkino viel mehr als bloss eine Artikulationsplattform ­– dies auch aufgrund der schweren Erdbeben. Dieses einschneidende Ereignis ist auch am Solar Cinema nicht spurlos vorbeigegangen und hat dazu geführt, dass neue Prioritäten gesetzt wurden. Unmittelbar nach dem Erdbeben hat Abhi im Distrikt Dhading an vorderster Front die Verteilung von Hilfsgütern – unter anderem für die Helvetas – koodiniert. Mit seinen langjährigen Erfahrungen in diesem Bereich und mit seiner fundierten Ausbildung ist er eine wichtige Stütze für ausländische Hilfsorganisationen.

Im aktuellen Projekt von Solar Cinema Nepal wird über die Zeitspanne von drei Jahren im Dorf Balthali unter anderem eine Schule aufgebaut. Schrittweise werden die Bewohner des Dorfes befähigt, diese Leitung selbständig zu übernehmen, um die Schule im Endeffekt autonom zu leiten. Abhi und sein Team helfen der Dorfbevölkerung durch Coaching die notwendigen Kompetenzen dafür zu entwickeln. Abhi kämpft für finanzielle Unterstützung, akquiriert Personal und entwickelt gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung Lernprogramme.

Ich habe grossen Respekt für Abhi: Die Möglichkeit, etwas zu bewegen, das Leben dieser Menschen zu verbessern und ihnen Bildung zu ermöglichen reicht für ihn aus, um seine eigene wirtschaftliche Sicherheit hintenanzustellen.

Abhi, der Philosoph

Es wird Abend und Abhi bringt mich zu einem seiner Lieblingsplätze in Kathmandu, dem Pashupatinath-Tempel. Dieser Ort ist eine der wichtigsten Tempelstätten des Hinduismus. Das Heiligtum ist eine beliebte Touristenattraktion und vor allem für seine Leichen­-Verbrennungsstätten am Ufer das Bagmati-Flusses bekannt. Das Innere des Tempels bleibt für Nicht-­Hindus verborgen, nur Gläubige dürfen diesen Raum betreten. Der umliegende Tempelbezirk steht aber für jedermann offen und das Geschehen kann aus einer kleinen Distanz sehr gut von einer gegenüberliegenden Anhöhe auf einer Terrasse betrachtet werden. Dorthin führt Abhi mich nun, vorbei an diebischen Affen, die sich blitzschnell alles schnappen, was nur im entferntesten nach Essen aussieht. Vorbei auch an vielen Bettlern und betendenden Sadhu­-Priestern, die nebeneinander auf den Steintreppen kauern.

«Hier siehst du die Welt wie sie ist: der Kreislauf des Lebens. Leben und Sterben gehören einfach zusammen.»

Die Sonne geht langsam unter und es liegt etwas in der Luft, das weder mit Händen greifbar ist, noch mit den Augen gesehen werden kann. Wir sitzen auf einer Bank und betrachten das Geschehen unter uns. Priester sprechen ihre harmonischen Gebete, die durch Lautsprecher über die ganze Tempelanlage hallen. Glocken erklingen, Rauchschwaden ziehen langsam über den Bagmati. Kinder spielen laut kreischend, lachend und rennen um die Verbrennungsstätten herum, während sich daneben Familienmitglieder weinend und trauernd von Verstorbenen verabschieden. Das Begräbnis folgt genauen Ritualen, die Leichen werden in Tücher gehüllt und in einer Zeremonie auf die dafür vorgesehenen Plattformen gebracht, wo ihre Körper dann während etwa fünf Stunden zu Asche verbrennen. Man hört das Feuer knistern, riecht ganz fein den Geruch des Sandelholzes aber auch den des Todes.­ Die Szenerie hat auf der einen Seite etwas sehr Unwirkliches und auf der anderen Seite war ich mir meiner eigenen Sterblichkeit noch nie so sehr bewusst, wie in diesem Moment. Ich versuche, Abhi meine Gefühle zu schildern und er findet, wie immer, die richtigen Worte: «Hier siehst du die Welt wie sie ist: der Kreislauf des Lebens. Leben und Sterben gehören einfach zusammen.»

«Ich respektiere alle Religionen und Kulturen gleichermassen. Dies sind wertvolle Erbgüter der Menschheit und sollten niemals mit Füssen getreten werden.»

Die Priester sind mittlerweile von ihren monotonen Versen zu einem Sprechgesang übergegangen. Ich kann die Worte nicht verstehen aber sie wirken auf mich beruhigend, die sanften Stimmen irgendwie tröstend und versöhnlich. Neben mir singt Abhi leise die Worte mit, er kennt diese Gebete seit seiner Kindheit.

Ich frage Abhi, was er sich für die Zukunft wünscht. Er erzählt mir von seiner Vision, eine Lehre zu entwickeln, welche es Menschen verschiedener Kulturen ermöglicht, einen besseren Zugang zueinander zu finden. Ihm schwebt eine Gesellschaft vor, die dank der richtigen Bildung ein nachhaltiges, friedliches Miteinander pflegt. Er sagt: «Ich respektiere alle Religionen und Kulturen gleichermassen. Dies sind wertvolle Erbgüter der Menschheit und sollten niemals mit Füssen getreten werden.»

Ich schliesse die Augen, lausche wieder den Gesängen der Priester und wünsche mir im Herzen, dass Abhi seine Vision verwirklichen wird. Wie schön könnte unsere Welt sein, wenn zwischen unterschiedlichen Kulturen keine Grenzen und Barrieren, sondern Toleranz und Verständnis wachsen würden.

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Die Situation in Nepal heute:
135 Tage - so lange hielt die Grenzblockade zwischen Indien und Nepal an und stellte die Bevölkerung während dieser Zeit vor enorme Herausforderungen. Nun aber endlich die Wende: Die Proteste wurden am 5. Februar 2016 eingestellt und lebenswichtige Güter wie Medikamente und Benzin finden ihren Weg wieder ins Land. (Quelle: Bericht der NZZ). Ob die Regierung allerdings die zugesicherten Versprechungen nach mehr Mitspracherecht für die Minderheiten einhält, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen. Es ist zu hoffen, dass Regierung und Bevölkerung nun endlich alle Energie für den Wiederaufbau nach den verheerenden Erdbeben einsetzen können.

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