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Night Portrait

Eine Nacht mit Dada in der Duda Bar

in Zürich, Schweiz

Yllnora Semsedini führt die Bar des berühmten Cabaret Voltaire – dem Haus, in dem der Dadaismus seine Wurzeln hat. Eine Nacht, die viele Überraschungen mit sich bringt.

«Meinen Namen spricht man auf Deutsch so aus, wie man ihn liest», erklärt Yllnora Semsedini, die albanische Wurzeln hat. Auf Albanisch würde man ihren Namen «Üllnora» aussprechen, das gefällt ihr aber nicht. Wir treffen sie vor ihrer Wohnung im Zürcher Kreis 4. Sie kommt gerade von einem Dinner bei Freunden und macht nur kurz einen Boxenstopp.

Ihre Wohnung befindet sich im 5. Stock und etwas verlegen sagt sie: «Tut mir leid, dass ihr so viele Treppen laufen müsst.» Ihr Zuhause ist eine wahre Oase und man fühlt schon beim Betreten sofort daheim. Seit einem Jahr wohne sie nun schon hier und liebe es: «Ich erwische mich immer wieder, wie ich Pyjamas kaufe; darin muss ich das Haus nicht verlassen und kann zuhause bleiben.»

Obwohl es schon nach 22 Uhr ist, bleibt der Pyjama wo er ist und Yllnora verlässt die Wohnung in bequemer Abendgarderobe. Ihr Tag beginnt erst jetzt: in der Nacht. Yllnora ist Geschäftsführerin in der kunsthistorisch bedeutsamen Bar des Cabaret Voltaire im Zürcher Niederdorf. Hier ist die Kunstrichtung des Dadaismus entstanden und lebt auch heute noch weiter. Dazu später aber mehr.

Was in ihrer Wohnung noch ins Auge sticht, ist ein riesiges Etwas auf ihrem Balkontisch. Erst beim genaueren Betrachten wird klar, worum es sich handelt: Ein Bienenstock! Yllnora ist diplomierte Imkerin: «Ich hatte damals Lust, etwas Neues zu lernen.» Die Ausbildung zur Imkerin dauert etwa zwei Jahre und ihr früherer Wohnort im ländlichen Glarus war bestens geeignet für die Bienenzucht. Diesen Bienenstock hat sie von einem Freund erhalten, er ist für Stadtbienen geeignet und zur Zeit noch unbewohnt: «Ich muss bald einmal die Umgebung erkunden, um herauszufinden, wo sich die Bienen in meiner Nachbarschaft wohl fühlen würden.»

Draussen regnet es in Strömen. Von ihrer Wohnung bis ins Cabaret Voltaire sind es knapp 15 Fahrradminuten. Normalerweise sei sie auch immer mit dem Fahrrad unterwegs, aber bei diesem starken Regenfall gönnt sie sich ein Taxi. Wenige Minuten später steht sie in ihrer gewohnten Umgebung: hinter der Bar. Diese befindet sich im ersten Stock und im hinteren Teil spielt heute die Theatergruppe KURSK. «Die wohnen auch ein bisschen hier», sagt Yllnora und zeigt dabei auf die Truppe, die das Cabaret Voltaire als eine Art Homebase hat. Der Saal ist rappelvoll. Jeder Stuhl ist besetzt. Es ist jetzt 23.30 Uhr. Alle Zuschauer schauen auf die Bühne und verfolgen das Spektakel. Auf den alten Beizentischen stehen viele Biergläser, zwischendurch auch ein Cüpli oder ein Cocktail. Die Temperatur hier drin muss weit über 25 Grad sein. Es ist so heiss, dass sogar die Kameralinse beschlägt. Die Fenster dürfen wegen der Lärmklagen nicht mehr geöffnet werden, denn die Gassen im Niederdorf sind eng und Lärm hallt weit.

Draussen schlägt das Grossmünster Mitternacht. Yllnora ist in ihrem Element, hinter der Bar. Sie ist heute ganz in schwarz gekleidet und trägt ihr voluminös gelocktes, schwarzes Haar offen. Aber so, dass ihr keine Haare ins Gesicht fallen. Sie ist von zierlicher Statur und strahlt dennoch eine natürliche Autorität aus. Die dunklen Augen hat sie dezent geschminkt und die Lachfalten unterstreichen ihre Frohnatur. Im vorderen Bereich des Cabarets hat es einen Sitzbereich mit Wohnzimmer-Ambiente und die Bar ist quasi das Bindeglied zum Saal, wo die Theatergruppe noch immer vollen Einsatz gibt. Dies hier ist ihr zweites Zuhause und man sieht, dass sie mit Herz dabei ist. «Wir renovieren alles selber, es gibt immer etwas zu tun. Das ist ein bisschen wie bei einem eigenen Haus», erzählt sie und zeigt dabei auf die Wandtapete, die sie eigenhändig gestaltet und angebracht hat. Wir befinden uns hier mitten in der Zürcher Altstadt und die historischen Räumlichkeiten erzählen eine Geschichte; als wäre man auf einer kleinen Zeitreise. Im Barbereich gibt es nicht einmal Handy-Empfang, oder nur sehr schwach. Aber auch dafür ist gesorgt und niemand braucht sich Sorgen zu machen, nicht erreichbar zu sein: Das Passwort fürs Wifi ist an der Bar notiert – direkt neben den Absinth-Spezialitäten. Das Cabaret Voltaire ist bekannt für seine grosse Absinth-Auswahl. Bist du also auch eine Absinth-Liebhaberin? «Nein! Gar nicht. Ich trinke ohnehin nur selten.»

Plötzlich die Meldung von unten: Die Männertoilette ist verstopft! Die Uhr zeigt null Uhr fünfzehn. Yllnora überlegt nicht lange und macht sich kurzerhand mit Saugglocke und viel Haushaltspapier auf den Weg zum Tatort. «Das macht immer Ylli, sie packt sofort an, wenns eine Schweinerei gibt», sagt ein Freund von ihr gelassen, der an der Bar gerade gemütlich ein Bier trinkt. Hier kommt ihr offensichtlich ihre Vergangenheit und Ausbildung zur Psychiatrie-Krankenschwester zugute; sie hat keinerlei Hemmungen, Dreck wegzuwischen: «Ich bin abgehärtet.» Die Verstopfung ist schlimmer als erwartet und alleine kann sie das Problem nicht beheben: «Da muss der Rohrmax her, ich mache einfach das Gröbste sauber». Schmunzelnd fügt sie hinzu: «Ich bin schon per Max (Wortspiel mit per du) mit ihm, ich musste ihn schon öfters anrufen.»

Als sie noch als Psychiatrie-Krankenschwester gearbeitet hat, habe sie hier zum Ausgleich angefangen auszuhelfen: «Irgendwann bin ich dann halt ganz hier reingerutscht.» In ihrer Funktion als Geschäftsführerin muss sie für alles gewappnet sein. Ein Zwischenfall wie die verstopfte Männertoilette gehört dazu. Aber auch dafür hat sie eine pragmatische Lösung: Für heute Nacht machen sie es wie in Schweden: Männlein und Weiblein auf die gleiche Toilette. Problem gelöst.

Sie sputet zurück an die Bar. Wie sagt man so schön: Die Nacht ist noch jung? Das kann man heute wörtlich nehmen: Das Publikum ist auffallend jugendlich. Das sei nicht immer ganz einfach. Mit einem Schmunzeln sagt Yllnora: «Ich verschätze mich oft mit dem Alter. Man wird selber ja immer älter.» Mit ihren 27 Jahren ist sie natürlich auch noch jung, nur eben nicht so jung wie jene Barbesucher, die teilweise deutlich unter 20 sind: «Die Jugendlichen hier sind aber alle sehr friedlich und ich hatte noch nie Probleme».

Neben der Bar im ersten Stock gibt es im Parterre noch eine Voltaire Boutique. Dieser Bereich ist nicht unter Yllnoras Verantwortung, die Schlüssel dazu trägt sie aber auch an ihrem Bund. «Es gibt einen Trägerverband zum Erhalt von Dada. 2016 haben wir 100-jähriges Jubiläum!», erklärt Yllnora beim Betreten der Boutique. Hier kann sich der Besucher zu Ladenöffnungszeiten mit Andenken an die Dada-Kultur eindecken und diverse Artikel der Kunstszene kaufen. Unter anderem zum Beispiel Guy-Fawkes-Masken, die dank den Hackern von Anonymous bekannt wurden.

Von der Boutique führen wenige Treppenstufen in die Krypta herunter. Hier unten befindet sich die Dauerausstellung vom Cabaret Voltaire. Sie nimmt einen förmlich mit auf eine Reise in vergangene Zeiten. Der Raum hat etwas Mystisches. Wie ein Sternenhimmel zieren die Gesichter der Dadaisten die gewölbte Steindecke der Krypta. Dadaismus ist die einzige Kunstrichtung, die in Zürich entstanden ist. Und dies vor allem dank der günstigen geografischen Lage und der Schweizer Neutralität. Während dem Ersten Weltkrieg trafen sich Künstler aus aller Welt hier und tauschten sich aus. 1916 gründete Hugo Ball zusammen mit seiner Freundin Emmy Hennings, ihrerseits auch Schriftstellerin und Kabarettistin, das Cabaret Voltaire, wo sie anfangs verschiedenste Programme wie Chansons oder Theater aufführten. Nacheinander schlossen sich weitere Künstler an und lebten hier ihre Kunst aus.

«Dadaismus ist ein bisschen wie ein Zaubertrick»

Im Rahmen des 100-jährigen Jubiläums wird der Dadaismus wie folgt beschrieben: «Dada ist nur schwer zu fassen: ‹Was Dada ist, wissen nur die Dadaisten. Und die sagen es niemand›, schrieben die Dadaisten selbst. Zum besseren Verständnis der Auswirkungen kann man aber drei grundsätzliche Bedeutungsebenen oder Einflussgebiete definieren, die es erlauben, drei sich ergänzende Konzeptebenen des Jubiläums zu bestimmen: ‹Dada ist lokal, Dada ist global, Dada ist universal.›»

«Dadaismus ist ein bisschen wie ein Zaubertrick für mich», erklärt Yllnora und führt uns durch den kühlen Raum. Sie zeigt in eine Ecke an die kahle Steinwand und sagt grinsend: «Da wäre eigentlich auch Kunst, mein Geschäftspartner hat das jedoch aus Versehen abgeräumt, weil er die Kunst nicht erkannte». So sei es eben mit der Kunst – es komme immer auf den Betrachter an. «Ich habe lange versucht, den Dadaismus zu verstehen und es gelang mir nicht. Man muss es einfach wirken lassen.»

«Da wäre eigentlich auch Kunst, mein Geschäftspartner hat das jedoch aus Versehen abgeräumt, weil er die Kunst nicht erkannte»

Nach der kleinen Zeitreise zu den Dadaisten geht Yllnora zurück in den ersten Stock. Noch immer treten neue Gäste ein und im hinteren Teil kommt die KURSK-Theatergruppe langsam zu einem Ende. Ihr gleichnamiges Stück beschreiben sie selber als ein performatives Atom-U-Boot an den Grenzen zwischen Theater und Politik, zwischen Literatur und Performance. Dass sie alle Sinne anregen, beweisen sie nach der Vorstellung und bieten Hot Dogs an. Schliesslich ist das U-Boot heute auf den Bahamas angekommen und dieses sommerliche Feeling wollen sie auch den Zuschauern weitergeben. Noch immer ist es tropisch heiss hier drin. «So heiss wie auf den Bahamas ist es schon einmal», sagt auch Yllnora amüsiert. So einen Hot Dog lässt auch sie sich nicht entgehen, denn schliesslich liegt das Nachtessen auch schon wieder einige Stunden zurück und mit fortgeschrittener Stunde kommt bekanntlich oftmals auch der Appetit zurück. «Ylli ist immer happy, wenn sie gutes Essen bekommt», wirft ein Freund in die Runde und bekommt dafür einen Bissen des Hot Dogs ab.


Die Bar heisst übrigens Duda Bar, weil es die Dada Bar bereits gibt in Zürich. Ob die Bar der Dadaisten nun Dada oder Duda heisst, ist im Endeffekt auch egal, das kann schliesslich auch als Kunst wahrgenommen werden.

Um 2.15 Uhr werden im Theatersaal die Kerzen ausgeblasen. Der Saal leert sich langsam. Die Truppe greift spontan noch zur Gitarre und eine junge Dame packt ihre wuchtige Stimme aus. Der Klang der Blues-Stimme erfüllt den Raum. Jeder lauscht gebannt. Alles andere scheint still zu stehen. Die Gitarre und die Stimme sind für diese kurze Ewigkeit der Mittelpunkt des Geschehens.

Kaum ist der Song fertig, geht das Leben wieder weiter. Stühle werden auf die Tische gestellt und auch die letzten Kerzen ausgeblasen. Alle packen mit an und helfen mit. Der DJ spielt noch immer Musik und das bis zum bitteren Ende, wie auf der Titanic. Yllnora betritt den Saal und aus den Boxen dröhnt ein schönes Lied. Niemand erinnert sich an den Songtitel. Neugierig wie sie ist: «Soll ichs rausfinden?» Nach keinen zwei Minuten steht sie wieder da und sagt: «Darkside von den Paper Trails!». Zufrieden schaut sie in den Saal hinein und betont, wie sehr sie solche Abende wie heute mag: «Diese Abende, an denen die Theatergruppe anwesend ist, sind auch für mich jedes Mal eine Überraschung, das liebe ich!»

Um halb drei Uhr steigt ein Mitglied der Theatergruppe auf die Bühne und ergreift das Mikrofon. Er kündet eine wirklich letzte Runde an. Noch im gleichen Atemzug bedankt er sich dafür, dass sie hier sein durften und richtet einen persönlichen Dank an Yllnora. Diese neigt bescheiden und sichtlich berührt ihren Kopf und lächelt schweigend.

Um 3.10 Uhr ist dann wirklich die letzte Runde. Ein Gast an der Bar meint zu dieser Ankündigung nur: «Schön gewesen mit euch heute, ich komme wieder!» Langsam wird es ruhiger und erst jetzt fällt auf, dass es hier ganz spezielle 10-Franken-Noten gibt: Zum 100-jährigen Jubiläum haben sie eine Maschine erhalten, die Geld prägen kann. Sie ist vom Künstler «Miles Köder», der es sich zum Ziel gesetzt hat, die perfekte Hechtform zu zeichnen. Für diese Erfindung wurde er sogar von der Polizei vorgeladen, erzählt ein Angestellter belustigt. «Es ist aber nichts illegal an der Sache. Erst waren sie auf dem Polizeiposten natürlich misstrauisch. Im Endeffekt konnte er sich aber noch zwei neue Aufträge sichern», führt er amüsiert aus.

Langsam, aber sicher neigt sich der Abend dem Ende zu. Beim Aufräumen taucht noch ein liegengebliebener Hotelschlüssel auf. Selbst jetzt noch, zu so später Stunde, wirkt Yllnora nach wie vor wach und engagiert. Sie agiert professionell: «Ich kläre kurz ab, wo dieses Hotel ist.» Wenig später kommt sie zurück und verkündet lachend: «Das Hotel ist im Tessin! Was machen wir denn jetzt?» Sie hinterlässt ein Post-It-Zettel am Haupteingang ehe sie abschliesst, in der Hoffnung, dass sich diese Person noch bei ihr meldet und die Nacht nicht in den nassen Gassen Zürichs verbringen muss. Sie selbst verschwindet in der Dunkelheit der Nacht.

Dies ist ein One Night Portray - das sind Portraits über Menschen, die ihren Alltag in der Nacht leben.

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