Ein Pinguin für den Klimaschutz

in Zürich, Switzerland

Der junge und engagierte Denis Jorisch hat sich für eine Karriere im Namen des Klimaschutzes entschieden. Seit kurzem sitzt er in der asiatischen Metropole Bangkok, um erneuerbare Energien auf dem politischen Parkett zu fördern. So bereitete er sich in Zürich darauf vor.

«Das mit der globalen Erderwärmung ist ein bisschen wie mit einer Kuchenform: Es passt nur so viel rein, wie die Form auch Volumen hat. Die Hälfte ist aber bereits voll. Was bedeutet das? Die Rechnung ist einfach: Wir müssen unsere Emissionen auf Null reduzieren, damit die Kuchenform nie ganz voll wird und auch die folgenden Generationen noch auf dieser Erde leben können.» Denis Jorisch arbeitet als Berater bei der South Pole Group im urbanen Zürich-West. Bereits nach seiner Matura wusste er, dass sein Weg in Richtung Klimaschutz gehen soll: «Klima hat mich als Materie einfach schon immer fasziniert.» Bei diesem Thema beginnen Denis’ blaue Augen zu leuchten. Wir haben es hier mit einem wahren Pinguin zu tun. Warum Pinguin? Keine Sorge, dieses Rätsel wird bis zum Ende der Lektüre keines mehr sein.

Es ist einer dieser Sommertage, wie man ihn in Zürich einfach lieben muss. Die Sonne zeigt sich schon früh morgens am Himmel und der Morgentau verdunstet noch ehe die Bevölkerung in den Tag startet. Die kühle Morgenluft ist es auch, die Denis zusammen mit einem Jugendfreund auf den Tennisplatz lockt. Auf der Tennisanlage Hardhof liefern sich die beiden jungen Herren schnelle und kraftvolle Ballwechsel. Auf dem Platz nebenan geben einige Senioren ihr bestes beim Doppel. Regelmässig rattert ein 17-er Tram im Hintergrund vorbei. Hier draussen, inmitten der grünen Anlage, glaubt man kaum in einer Stadt zu sein, so idyllisch präsentiert sich dieser Sommermorgen. Rückhandfehler von Denis. Ein verärgertes «Nein!» rutscht ihm über die Lippen, doch er nimmt es sportlich. Er steht auf der Sonnenseite und sein Tennispartner gibt ihm den Tipp: «Zieh dir die Mütze tief in die Stirn, dann blendet es dich weniger.» Gesagt, getan. Er schlägt auf. «So sehe ich ja rein gar nichts! Das zählt nicht!», lacht Denis, der seinen Ball weit ins Nirvana geschlagen hat. Während der Ballwechsel der Senioren auf dem Platz nebenan eher an ein gemütliches Federball-Spiel erinnert, liefern sich die beiden Mid-20er einen harten Kampf um jeden Punkt. Der Kontrast der Generationen schön illustriert.

Nach zwei Stunden vollstem Einsatz schnappen sich die beiden das Schlepp-Netz und wischen damit den Sandplatz wieder in seinen Originalzustand. Alles sieht aus, als wären sie nie hier gewesen. Nach einer erfrischenden Dusche ist Denis Jorisch bereit fürs Büro: das kurze braune Haar hat er auf die Seite gekämmt, das gebügelte Leinenhemd steckt leger in den blauen Chinos und die Wildlederschuhe sorgen für Kühlung an diesem heissen Tag. Die beiden Jungs verabschieden sich voneinander. Der eine geniesst seinen freien Tag auf der Werdinsel. Der andere, Denis Jorisch, macht sich mit dem Fahrrad auf den Weg ins Büro. Sein Ziel: der Technopark, Zürich-West

Die Büroräumlichkeiten von der South Pole Group (folgend SPG abgekürzt) befinden sich im dritten Stockwerk im Trakt «Zeppelin». Sehr zielstrebig läuft Denis in die Kaffee-Ecke, nur leider will die Maschine nicht so wie er und sträubt sich, ihm einen Kaffee zu brühen. Ohne lange zu zögern macht er kehrt und begibt sich für seinen Morgenkaffee in die grosse Cafeteria im Erdgeschoss, welche ein bisschen an eine Autobahnraststätte erinnert.

Seine Nationalität? Das ist nicht ganz so einfach. Fakt ist: Er hat einen Schweizer sowie einen Griechischen Pass. Griechisch? Ja, seine Mutter ist zu einem Viertel Griechin, spricht allerdings kein Griechisch. Und sein Vater spricht Griechisch, ohne Grieche zu sein. Das sorgt oft für Verwirrung, wenn es um Denis’ Nationalität geht, zumal er auch noch perfekt Französisch spricht. Etwa auch noch Franzose? Nein, aber seine Mutter ist in Genf und Brüssel  aufgewachsen. Wie dem auch sei, ein Arbeitskollege sagt dazu schmunzelnd: «Auch wenn er das von den Genen her vielleicht nicht ist, Denis ist der perfekte Schweizer.

«Im Nachhinein war es das Beste, was mir passieren konnte.»

Nach der Matura entschied sich Denis für ein Studium in Umweltnaturwissenschaften an der ETH Zürich. Das war 2008. Die Basisprüfungen der ETH sind allgemein berüchtigt und auch Denis hatte es erwischt, er bestand die Prüfungen sehr knapp nicht. «Im Nachhinein war es das Beste, was mir passieren konnte», sagt er heute. Es folgte daraufhin ein Geografie-Studium an der Universität Zürich. Rückblickend ist er froh über seinen Entscheid, das Studienfach gewechselt zu haben: «Ich habe da gute Freunde gefunden, die mir bis heute nahe stehen.» Das Bachelor-Studium beendete er 2012 erfolgreich und für den Master in Atmosphäre und Klima wagte er sich erneut an die ETH: «Jetzt wusste ich, was mich erwartet und hatte Spass am Studieren.» Er war so begeistert vom Studium und dessen Inhalt, dass er damals sogar mit dem Gedanken gespielt habe, ein Doktorat zu machen. Nach sechs Monaten intensivem Schreiben der Masterarbeit, hatte er dann aber doch vorerst einmal genug. Im April 2014 gab er seine Masterthesis ab, stieg kurz darauf in den Zug und reiste mit der Transsibirischen Eisenbahn bis nach Peking. Ein eindrückliches Erlebnis.

Nach der Rückkehr folgte ein fünfmonatiger Zivildienst-Einsatz bei der Klimastiftung Schweiz. Noch heute schwärmt er von dieser wertvollen Erfahrung, welche in seinem Fall auch wegleitend sein sollte. Im Januar 2015 begann er schliesslich bei der SPG: «Die Gründer haben für den Nachwuchs ein Young Change Maker-Programm ins Leben gerufen.» Das einjährige Programm gibt Absolventen und Absolventinnen die Möglichkeit, erste Berufserfahrungen in der Nachhaltigkeitswelt zu sammeln ohne einfach nur Praktikant genannt zu werden. Mit dem sympathischen Job-Titel des Young Change Maker begann seine Karriere bei der SPG.

«Die Gründer haben für den Nachwuchs ein Young Change Maker-Programm erfunden.»

Die Gründer der South Pole Group hatten zuvor die Stiftung myclimate gegründet. «Du kennst vielleicht das Logo, so eine kleine Wolke», erzählt Denis. Die Idee von myclimate war, dass Leute ihre CO2-Emissionen (z.B. durch Flüge) berechnen und anschliessend kompensieren können. Darauf kamen die Gründer Renat Heuberger, Thomas Camerata und Patrick Bürgi, nachdem sie während ihrer Zeit an der ETH für eine Klimakonferenz für wenige Tage nach Costa Rica fliegen durften. Sie empfanden es als sehr kontrovers, für ein paar Tage so viele Emissionen zu generieren und kamen auf die Idee, ihre Emissionen vor Ort zu kompensieren - so entstand myclimate und später dann die SPG. Viele Unternehmen sind auf diesen Zug aufgesprungen und Denis fügt mit einem Lächeln hinzu: «Sogar das Quöllfrisch-Bier ist mittlerweile CO2-neutral.» Die Gründer wollten nach dem Starterfolg das Geschäft skalieren. Da myclimate als Stiftung aufgestellt ist und vor allem Einzelpersonen als Endkunden hatte, gründeten sie vor 10 Jahren die SPG als privates Unternehmen mit dem Fokus auf Unternehmen als Kunden.

«Sogar das Quöllfrisch-Bier ist mittlerweile CO2-neutral.»

Sein nächstes Abenteuer bringt Denis in die Metropole Bangkok. Bereits als er seine Stelle als antrat, wurde abgemacht, dass er nach dem Praktikum für einen Einsatz ins Ausland darf. Als dann doch die Festanstellung folgte, geriet der Auslandsaufenthalt etwas in Vergessenheit. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Im Herbst ist es nun soweit: Denis wird für mindestens ein halbes Jahr nach Thailand reisen, um vor Ort den asiatischen Markt zu analysieren und Möglichkeiten zu finden, Emissionen zu reduzieren. Eine seiner Aufgaben ist es, die politischen Grundlagen der Südostasiatischen Länder auf ihre jeweiligen Bestimmungen für erneuerbare Energien zu analysieren. Wie sieht die politische Landschaft aus? Welche Regulationen gibt es? Woran wird aktuell gearbeitet? Wo kann man anknüpfen? Um bestmöglich darauf vorbereitet zu sein, verbringt er seine letzten Tage hier in Zürich mit viel Recherchearbeiten. Alles, was er vom Bürotisch aus herausfinden kann, sammelt er und erstellt bereits erste Dokumentationen und Präsentationen. «Vor Ort ergeben sich dann sicher noch weitere Projekte und Arbeiten, das ist immer so», sagt er gelassen.

Die Sonne zeigt sich heute von ihrer besten Seite und Denis ist gewappnet. Für seine Mittagspause tauscht er Büro-Outfit gegen Badi-Outfit, damit er sich in der gemütlichen Strömung der Limmat abkühlen kann. Unterwegs kauft er sich noch einen Linsensalat und setzt sich auf die Wiese des GZ Wipkingen. Sein Arbeitskollege gesellt sich auch noch dazu und zusammen springen sie ins kalte Nass. Erfrischt geht’s zurück ins Büro.

«Der Mensch beeinflusst das Klima und das Klima beeinflusst den Menschen.»

Die Kaffeemaschine läuft wieder wie gewünscht und Denis geniesst seinen Espresso, ehe er sich der Recherche widmet. «Viele haben das Gefühl, Klimaschutz sei teuer und mühsam, aber das ist nicht der Fall», erklärt Denis. «Viele denken auch, sie müssten auf ihr Auto verzichten, dürften kein Fleisch mehr essen, dabei gibt es ganz viele andere Möglichkeiten, Gutes für das Klima zu tun.» Er erwähnt indes, dass Klimaschutz für ein Unternehmen oftmals profitabel ist und an diesem Punkt wird es für die Industrie natürlich interessant. Die SPG berät Firmen dabei, wie sie ihren Emissionshaushalt verbessern und ausbalancieren können. «Der Mensch beeinflusst das Klima und das Klima beeinflusst den Menschen und Klimaschutzprojekte reduzieren nicht nur Emissionen, sie weisen auch eine Reihe von positiven Nebenwirkungen, sogenannte ‘co-benefits’, auf.»

Ein Beispiel unter vielen sei ein gemeinsames Projekt von Coop und WWF Schweiz in Zusammenarbeit mit der SPG in Zentralafrika, wo die lokal ansässigen Massai effiziente Kocher erhalten, welche nur einen Bruchteil des Holzes benötigen. Die traditionelle Art, auf dem offenen Feuer zu kochen, benötigt viel Holz, das Sammeln nimmt viel Zeit in Anspruch und hat Abholzung zur Folge. Die Abholzung führt dazu, dass es weniger Bäume hat. Weniger Bäume führen dazu, dass weniger CO2 mittels natürlicher Photosynthese gebunden wird und so weiter. Ziel des Projektes ist es, den Holzverbrauch und somit die Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Neben dem Emissionsrückgang weist das Projekt bessere Gesundheit (weniger Russ- und Feinstaubbildung beim Kochen aufgrund der effizienten Kocher), bessere Bildung der Kinder (da weniger Zeit aufgewendet werden muss, um Holz zu sammeln) und weniger Abholzung der Wälder als positive Nebenwirkung auf.

«Zum Glück sehen immer mehr Unternehmen ein, dass sie eine Klima-Verantwortung haben und wollen etwas tun.»

Das Kernbusiness der SPG liegt im Entwickeln solcher Projekte und dem Verkauf der zertifizierten Emissionsreduktionen aus diesen Projekten. Unternehmen können ihre Emissionen kompensieren, indem sie in ein Projekt investieren und so ihre Emissionen an einem anderen Ort einsparen. Oftmals ist die Kompensation der Emissionen, neben der Reduktion, teil der CSR-Strategie (Corporate Social Responsibility) eines Unternehmens. «Zum Glück werden immer mehr Unternehmen aktiv und wollen etwas tun», freut sich Denis. «Klimaneutral zu wirtschaften muss das Ziel eines jeden Unternehmens sein!» Klimawandel als unmittelbare Bedrohung ist eine Tatsache geworden und niemand kann und darf die Augen davor verschliessen: «Verantwortung abzugeben ist immer einfach, etwas dagegen zu unternehmen ist aber fast genauso einfach.» Er erwähnt indes die Klimakonferenz von Paris im vergangen Jahr (2015), welche einen riesigen Meilenstein in der Klimageschichte bedeutet. «Das Paris Agreement ist eine wichtige Errungenschaft und verpflichtet alle Nationen, gemeinsam ehrgeizige Anstrengungen zur Bekämpfung des Klimawandels und seiner Auswirkungen zu unternehmen, das stimmt mich positiv.»

«Klimaneutral zu wirtschaften muss das Ziel eines jeden Unternehmens sein!»

Das Prinzip vom Klimaschutz ist einfach: Wenn man etwas produziert, verursachst das Emissionen. Damit man klimaneutral wirtschaften kann, muss man zuerst versuchen, die Emissionen zu reduzieren und die restlichen Emissionen an einem anderen Ort zu kompensieren: «Viele Klimaschutz-Projekte haben mit der Vermeidung von Abholzung oder mit (Wieder-)Aufforstung zu tun. Der Wald ist dank der Photosynthese eine natürliche CO2-Senke. Auch Ozeane gehört zu den natürlichen CO2-Senken.» In der Schweiz kostet eine Tonne COheutzutage um die 84 Schweizer Franken, das sei vor allem auf die hohen Lenkungsabgaben auf fossile Brennstoffe zurückzuführen: «Diese kann aber im Jahr 2018 auf 120 Schweizer Franken erhöht werden, sollten die Reduktions-Ziele verfehlt werden, dies fördert unmittelbar die Innovation und Energieeffizienz in der Schweiz.»

«Der Pinguin ist wohl der prominenteste und am besten angezogene Bewohner des Südpols.»

Zurück zum Pinguin: Die Mitarbeiter untereinander bezeichnen sich als Pinguine, die sich für den Klimaschutz sowie die natürliche Heimat des Pinguins einsetzen. Das war nicht immer so, hat sich aber über die Jahre hinweg etabliert. Natürlich hat das auch mit dem Logo der South Pole Group zu tun, welches die Silhouette eines Pinguins zeigt. Und der Pinguin lebt am Südpol, anders als sein Freund und ebenfalls Symbol für Klimawandel gewordene Eisbär. Denis sagt dazu schmunzelnd: «Der Pinguin ist wohl der prominenteste und am besten angezogene Bewohner des Südpols.»

Gegen den frühen Abend packt Denis seine Sachen und verlässt das Gebäude durch den Hinterausgang, schwingt sich auf seinen schicken Drahtesel und radelt ins Stadtzentrum. In der James&Joyce Bar trifft er sich mit Freunden zu einer Brainstorm-Session. Bei Bier und Snacks wird die Startup-Idee eines «Tripadvisor» für Hochschulen und Universitäten diskutiert. In der Runde sitzen junge Herren, allesamt mit einem Studienabschluss in der Tasche, und tauschen sich über die Idee, ihre Marktchancen sowie ihre Risiken aus. Eine lange Diskussion wird über den möglichen Namen des Portals geführt. Das Portal sollte in allen Landessprachen funktionieren, einfach auszusprechen und selbsterklärend sein. Das Portal wird eine Bewertungsplattform für Aus- und Weiterbildung von Studierenden für Studierende. Die hier anwesenden Studenten beziehungsweise Alumni sind von der Idee begeistert und geben den jungen Gründern wertvolle Tipps und Inputs. Wie das alles rauskommt und wie viel Denis zum Erfolg des Startups beigetragen hat, wird sich noch zeigen.

Langsam kühlt es ab, die Nacht bricht herein und der laue Sommerabend lädt ein, noch einen verlängerten Spaziergang durch die Stadt zu machen. Die Gruppe löst sich gegen 23 Uhr langsam auf und jeder geht seinen Weg. Denis stösst sein Fahrrad neben sich her und begleitet einen Freund zum Bahnhof. Seine engagierte Art an jeder Front wird in seinem privaten sowie beruflichen Umfeld sehr geschätzt, so sagt zum Beispiel auch eine Arbeitskollegin über ihn: «Er ist einer unserer besten Pinguine.»

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