Ein Leben in Metropolen und die stetige Sehnsucht nach der Insel

in Istanbul, Türkei

Die junge Zypriotin Sıla Uluçay hat sich für ihre Ausbildung die Metropolen dieser Welt ausgesucht: Hongkong, London, Istanbul. Wirklich Ruhe findet sie aber nur zuhause auf der Insel Zypern im Mittelmeer. Bevor sie sich im Herbst einem weiteren Studium an der Oxford Universität widmet, unterrichtet sie in Istanbul Syrische Flüchtlinge.

«♫ البنت الشلبية» mit der Stimme der libanesischen Sängerin Fairuz im Ohr startet Sıla langsam in den Tag. Dieses Lied (El bint el shalabiya) sei ihr heute früh als erstes in den Sinn gekommen. «Die Araber sagen, sie hören ihre Musik immer morgens. Jetzt weiss ich, warum. Ihre Lieder geben dir Heimat am Morgen, am Abend machen sie dich traurig», erklärt Sıla ihre frühmorgendliche Musikwahl. Seit kurzem lernt sie Arabisch. In einem Sprachinstitut in Istanbul nimmt sie Unterricht und tastet sich langsam an die Sprache heran: «Ich strebe eine akademische Karriere an und möchte mich auf den Nahen Osten spezialisieren, da ist es wichtig, auch die Sprache zu verstehen.» Für sie sei es spannend, zu sehen und zu verstehen, welche Ähnlichkeiten und Zusammenhänge es zwischen dem Nahen Osten und ihrer Heimat, dem östlichen Mittelmeerraum, gibt.

Beim Blick aus dem Fenster sagt sie: «Heute ist ein grauer Tag in Istanbul, da will man das Bett am liebsten gar nicht verlassen.» Im Bett zu bleiben ist jedoch keine Option und so packt sie ihre Sachen und verlässt das Haus. Sıla ist eine hübsche junge Frau mit einer einnehmenden Ausstrahlung. Ihr Temperament und das herzliche Lachen zeugen von ihren südländischen Wurzeln. Die dunklen Augen und Haare, wie auch die dichten Augenbrauen, betonen ihr symmetrisches Gesicht.

Die Wolken werden immer grauer und schütten kurz darauf ordentlich Regengüsse in die Gassen Istanbuls. Die Tropfen platzen auf die Pflastersteine und dämpfen schon bald die städtische Geräuschkulisse. Selbst Sıla hat nicht mit so viel Regen gerechnet und kauft deshalb kurzerhand einen Regenschirm für fünf Türkische Lira an der İstiklal im Taksim Quartier. Am liebsten startet sie den Tag mit einem leckeren Frühstück. So auch heute, ganz in der Nähe des bekannten Galata Tower im Güney Restaurant. Froh darüber, wieder im Trockenen und an der Wärme zu sein, bestellt sie sich mehrere Teller mit Leckereien. Der Tisch ist schon nach wenigen Minuten reichlich gedeckt: Oliven, Käse, Kaymak (ein Frischkäse) mit Honig, Tomaten, Gurken, Menemen (eine türkische Eierspeise), Chai (türkischer Tee) und Brot. Auf die Frage, ob sie nicht auch einen Kaffee zum Frühstück will: «Wir trinken den Kaffee bei dieser Art von Frühstück normalerweise am Schluss, quasi als Finish.» Mit einem verschmitzten Lächeln fügt sie hinzu: «Selbstverständlich einen türkischen Kaffee». Während des Essens erzählt sie von ihrer Heimat in Zypern.

Zypern – Sonnen- und Schattenseiten

Die Insel ist nach Sizilien und Sardinien die drittgrösste im Mittelmeer und wird auf Türkisch Kıbrıs genannt. Wenn Sıla von «ihrem» Kıbrıs spricht, leuchten ihre Augen und sie ist kaum noch zu bremsen. Mit ihrer klaren und lauten Stimme sprudelt es aus ihr heraus. Sie spricht dank ihrer Ausbildung in Hongkong und London nahezu perfektes Englisch und schwärmt vom zypriotischen Essen: «Hast du schon einmal Ceviz Macunu gegessen? Das ist eine Zypriotische Spezialität.» Ceviz Macunu sind grüne in Zuckerwasser eingelegte Baumnüsse. Wenn die Nüsse serviert werden, sind sie schwarz und sehen wenig appetitlich aus. Aufgespiesst auf einer Gabel, in einem hohen Trinkglas und in Zuckerwasser getränkt, wird Cevic Macunu zu speziellen Anlässen aufgetischt. Es mag sich eigenartig anhören, aber diese Baumnuss wird durch den Lagerungsprozess zarter als eine Truffes-Praliné.

Nach weiteren Erzählungen über die Küche ihrer Heimat dämpft sie aber die Stimme und spricht die heikleren Themen an. «Zypern hat ein Problem und wir sind leider noch weit von einer Lösung entfernt», beginnt sie. «Die Leute in Nordzypern leiden vor allem unter strukturellen Problemen, wie zum Beispiel Vetternwirtschaft und dem Patronat.» Es sind schon viele Anläufe gemacht worden, diese prekäre Situation zu ändern, bis jetzt ohne Erfolg: «Die Türkisch-Zypriotische Gemeinschaft ist ökonomisch, sozial und politisch vom Rest der Welt isoliert.» Der Norden sei in hohem Masse von einem anderen Land abhängig: von der Türkei. Sie führt aus, dass diese Abhängigkeit ihre Wurzeln im Zypernkonflikt habe: «Diese strukturellen Probleme können nicht gelöst werden, solange wir keine Wiedervereinigung der Insel erreichen.» Die Insel ist de facto seit 1974 geteilt. Wer von der Schweiz aus auf Google «Zypern» eingibt, erhält erst einmal drei Werbeanzeigen zu Badeferien und auch sonst dreht sich bei den Suchergebnissen alles um Ferien, Hotels und Spass. Dem Konflikt auf der Insel wird in den hiesigen Medien kaum Beachtung geschenkt. Wo sind die politischen Artikel zum Zypernkonflikt? Es scheint niemanden zu interessieren. Der Süden (Republik Zypern) hat seine Küsten mit Hotelkomplexen zugebaut, bietet All-Inclusive-Ferien an und machte aus dem einstmaligen Fischerdorf Agia Napa eine riesige Partystadt, die das junge Partyvolk aus England, Skandinavien und Zentraleuropa mit günstigen Preisen lockt. Ausserdem haben die Briten noch Militärbasen aus den Zeiten der Britischen Herrschaft auf der Insel. Die Hauptstadt der Insel Nikosia ist bis heute geteilt. Die sogenannte «Grüne Linie» (Grenze zwischen Nord- und Südzypern) wird in der Hauptstadt von UN-Friedenstruppen kontrolliert. Offiziell ist die ganze Insel die «Republik Zypern», der Norden steht jedoch unter der Kontrolle der «Türkischen Republik Nordzypern» und wird einzig von der Türkei anerkannt, so dass seine Bewohner – wie auch Sıla eine ist – im globalen Kontext in einem nicht-anerkannten Land leben: «Jedes Mal, wenn ich das Wort Zypernkonflikt in den Mund nehme, schnürt sich mir der Hals zu. Und damit bin ich nicht alleine. Viele von uns sind verzweifelt, weil alle Versuche einer Wiedervereinigung bis anhin gescheitert sind».

Das Telefon klingelt, ihr Vater ist am anderen Ende der Leitung. Nachdem Sıla das Gespräch beendet hat, sagt sie: «Ich vermisse meine Eltern. Nun ja, ich glaube, ich vermisse vor allem Zypern und die Sonne dort.» Nebst der fast ewigen Sonne liebt sie das Leben auf Zypern, die Farben und das Heimatgefühl. Sie zeigt ein Bild von ihrem Vater und erzählt, er habe eine typisch osmanische Nase. «Meine kleine Schwester hat mich immer damit aufgezogen, dass ich auch einmal eine so grosse Nase haben werde, wenn ich erwachsen bin», sagt sie schmunzelnd.

Unter Minderheiten

Nach ihrem Master Studium zog Sıla im Herbst 2014 nach Istanbul. Das war schon lange ihr Traum. Leider sah die Realität nicht ganz so rosig aus, wie sie sich das ausgemalt hatte. Weil sie keinen geeigneten Job fand, entschied sie sich als Volontärin für eine Armenische Zeitung zu arbeiten. Bei der Zeitung handelt es sich um die namhafte Wochenzeitung Agos, deren Redaktionschef Hrant Dink 2007 vor dem Verlagshaus in Istanbul erschossen wurde. Von November 2014 bis Februar 2015 schrieb Sıla für die Kultur-News: «Ich habe auf Türkisch geschrieben, die Zeitung erscheint aber in Türkisch und Armenisch.» Sie erzählt, dass es gerade während ihrem Volontariat sehr spannend war, Teil vom Redaktionsteam gewesen zu sein. Der Armenische Genozid liegt im aktuellen Jahr 2015 genau 100 Jahre zurück. «Ich war unter anderem bei der Redaktionssitzung dabei, in der besprochen wurde, welche Themen zum Jubiläum in der Zeitung erscheinen sollen, das war sehr spannend», berichtet Sila. Die Zusammenarbeit mit den Armeniern, die in Istanbul eine Minderheit bilden, wie sie als Türkisch-Zypriotin auch, gefiel ihr. «Ich empfand die Armenier hier als sehr selbstironisch, das mag ich», sagt sie und erzählt eine kleine Anekdote aus dem Redaktionsalltag. Im November 2014 erklärte die UNESCO das traditionelle armenische Lavas-Brot (ein ungesäuertes Fladenbrot) offiziell zum immateriellen Weltkulturerbe Armeniens. Gerne hätte ein Redaktor daraus eine grosse Story gemacht. Daraufhin hatte ein Kollege den Einwand, das sei lächerlich, ein Brot könne doch nicht Besitz einer Nationalität sein, vielmehr sei es etwas Regionales, ein Kulturgut einer Region. Ihm sei nicht wohl dabei, Lavas – übrigens auch in der Türkischen Küche sehr beliebt – als Eigentum der Armenier zu betrachten, dies sei zu nationalistisch. Daraufhin entschied man sich, eine Geschichte über Lavash als Kulturgut der Region zu verfassen.

Istanbul – eine Stadt ohne Ende

Die Uhr tickt, Sıla sollte eigentlich um 12 Uhr mittags in Zeytinburnu sein. Dieser Stadtteil ist so ziemlich am anderen Ende der Stadt, immerhin aber auch auf der europäischen Seite Istanbuls. Sie verlässt das Restaurant eilig in Richtung Metrostation. Der Regen hat nachgelassen, dafür weht nun ein ordentlicher Wind vom Bosporus hinauf. So stark, dass sogar der neu gekaufte Schirm kaputt geht. Schnellen Schrittes verschwindet Sıla in die Tiefen der Metro. «Das ist schon wie in London. Du findest keinen Mülleimer in der Metro seit den Terroranschlägen in 2005», meint sie, gefrustet darüber, dass sie ihren kaputten Schirm nirgends in der Metro entsorgen kann und das verbogene Drahtgestell mittragen muss. Die Reise zur «Turkey Syrian Association», wo Sıla syrische Flüchtlinge in Türkisch unterrichtet, gleicht einer kleinen Weltreise. Istanbul ist sieben Mal so gross wie London und hat rund 14 Millionen Einwohner. Selbst Sıla ist immer wieder überwältigt von der Grösse Istanbuls: «Es gibt ein Sprichwort auf Türkisch, das besagt, egal wo du in Istanbul stehst, du wirst nie das Ende der Stadt sehen.» Von der Metro wird umgestiegen in einen Metrobüs (eine Art Autobahn-Bus, der eine eigene Fahrbahn hat und dadurch schnell ist). Nach einer langen Fahrt steigt Sıla auf einen normalen Stadtbus um, der sie zum Ziel bringt.

«Es gibt ein Sprichwort auf Türkisch, das besagt, egal wo du in Istanbul stehst, du wirst nie das Ende der Stadt sehen.»

Im Bus entdeckt Sıla zwei ihrer Schülerinnen und meint: «Die sind beide sehr intelligent.» Auf Sılas Schoss liegt ein dickes türkisches Grammatikbuch: «Heute machen wir Repetitionen, da meine Schüler morgen einen kleinen Test schreiben müssen und ich will, dass sie gut vorbereitet sind.» Der Test ist nichts Offizielles, ermöglicht den Schülern allerdings bei einem gutem Resultat, am Folgekurs teilzunehmen. Mit kleiner Verspätung kommt sie beim Schulgebäude an und läuft zum Klassenzimmer den dritten Stock hinauf. Blau gestrichene Wände, pinke Türen, Kinderzeichnungen an den Wänden, allgemein ist es unschwer zu erkennen, dass es sich hier um ein Primarschulzimmer handelt. Auch die Schülerpulte und Stühle sind nicht für Erwachsene gedacht, so dass es ein etwas ulkiges Bild abgibt, als die jungen Erwachsenen aus Sılas Klasse sich hinsetzen. Zu Beginn der Lektion sitzen drei Herren und fünf Damen im Klassenzimmer. Die Mädchen tragen alle ein Kopftuch.

Mit der Sprache beginnt die Integration

Sıla verbrachte einen Teil ihrer High-School-Zeit in Hongkong. Im jungen Alter von zwanzig zog es sie nach London, wo sie Jura an der UCL studierte und abschloss. Den Master machte sie in «Nah- und Mitteloststudien» an der SOAS in London. Sie genoss eine erstklassige Ausbildung und ist sich dessen bewusst. Einen kleinen Teil ihres Wissens teilt sie nun hier mit ihrer Klasse. Die Türkische Grammatik ist kein Zuckerschlecken. Gerade erklärt sie, welcher Zusatz verwendet werden muss, wenn man Nomen kombinieren möchte. Die einen schreiben fleissig mit, die anderen scheinen eher auditive Lerntypen zu sein. Mündlich nehmen alle aktiv am Unterricht teil. Es werden viele Fragen gestellt, die Sıla alle plausibel beantworten kann. Einige wenige Male schlägt sie etwas in ihrem dicken Grammatikbuch nach – es ist mit Dutzenden von Post-it-Zetteln vollgeklebt – um anschliessend ein gutes Beispiel aus dem Buch an das Whiteboard zu schreiben.

Im Klassenzimmer ist es sehr kühl, fast schon frostig. Die Isolation lässt zu wünschen übrig, sodass die Schülerinnen und Schüler ihre Winterjacken auch im Klassenzimmer anbehalten. Vielleicht wurde dieses Haus erbaut, als Istanbul noch Konstantinopel genannt wurde. Einzig Sıla steht im Pullover da - ein Zeichen ihres überdurchschnittlichen Engagements. Sie sitzt nicht nur am Lehrerpult, sie läuft herum, schreibt wie wild ans Whiteboard und erklärt die Grammatik so verständlich wie möglich und bis sie wirklich alle im Raum verstanden haben.

Ihre laute und klare Stimme erfüllt den Raum. Alle hören gebannt zu und zeigen sich interessiert. Das aktuelle Repetitions-Thema: Verkleinerungsformen. Fügt man an einen Namen z.B den Suffix –cik, wird so auf Türkisch die Verniedlichung ausgedrückt. Sıla. Sıla-cik – kleine Sıla. Im Verlauf des Unterrichts stossen weitere Schüler dazu, zwei Frauen und drei Männer. Die Klasse wird immer grösser und der Raum wirkt immer kleiner. Sıla fordert ihre Schülerinnen und Schüler auf, einen kleinen Text über sich selber zu schreiben, wie sie das morgen beim Examen machen müssen. Es wird still im Raum, alle schreiben konzentriert.

Dann wird es langsam wieder lebendiger. Offensichtlich sind die meisten mit ihren Texten fertig. Sıla kündigt 20 Minuten Pause an. Ihre Pause verbringt Sıla mit zwei Schwesternpaaren: «Ich sage ihnen, dass ich im Unterricht ihre Lehrerin bin, privat aber ihre Freundin». Sıla lädt die vier Schülerinnen auf Gebäck und Tee in einer kleinen Patisserie unweit des Kursortes ein. Die Schülerinnen sind seit einem bzw. zwei Jahren in Istanbul und erzählen ihre Geschichten. Sie haben Istanbul gewählt, damit sie schnell wieder zurück nach Syrien können, sobald der Krieg vorbei ist. Ein Mädchen erzählt, wie ihre beiden Brüder in Istanbul arbeiten, sodass die Schwestern eines Tages auf Universität in der Türkei gehen können. Alle vier waren in Damaskus bereits an einer Uni immatrikuliert und haben Pharmazie, Handel, Business, Krankenschwester, Französische Literatur studiert. Mit den unterschiedlichsten Studienfächern haben sich die Mädchen in ihrer Heimat ein Fundament für eine viel versprechende Zukunft aneignen wollen. Der Krieg veränderte alles. Hier in der Türkei müssen sie wieder bei Null anfangen. Die Sprache ist die erste Hürde, die sie überwinden müssen. Der kostenlose Sprachunterricht hier in der «Turkey Syrian Association» ist ein wichtiger Schritt, um eines Tages ihre Träume von einem Studium verwirklichen zu können. «Sie sind alle noch sehr optimistisch und zeigen viel Effort, um ihrem Ziel näher zu kommen, das beeindruckt mich immer wieder», sagt Sıla. Mit einem mütterlichen Ton erklärt sie den jungen Frauen, dass sie sich Zeit nehmen sollen und auch erst in einigen Jahren zurück an die Uni gehen können, sie seien noch so jung. In dieser Situation wirkt Sıla erwachsener und deutlich älter als sie eigentlich ist. Sie hat die Gabe, ihren Mitmenschen etwas so anschaulich zu erklären, dass ihr nur die wenigsten widersprechen.

Zurück im Klassenzimmer lesen die Schülerinnen und Schüler ihre kleinen Texte vor und besprechen zwei weitere Grammatikthemen. Der Unterricht wird durch das Aufkreuzen des Schulleiters kurz unterbrochen. Er führt die Anwesenheitskontrolle duch. Zusammen mit zwei weiteren engagierten Syriern leitet er die Schule. Er war es auch, der Sıla für den Job angefragt hat. Sie kennen sich von der SOAS in London.

Der Unterricht neigt sich dem Ende zu und Sila nutzt die Zeit, die Lyrics zum Song Bu Sabah Yağmur Var İstanbul‘da ans Whiteboard zu schreiben. Mit der Klasse werden die Textzeilen besprochen. Ein Schüler in der ersten Reihe sucht den Song auf Youtube und spielt in auf seinem Smartphone vor, sodass ihn die ganze Klasse hören kann. Alle lauschen gebannt. Es ist wieder ruhig im Klassenzimmer. Die Türkische Stimme des Sängers aus den scheppernden Smartphone-Lautsprechern übertönt in diesem Moment alle weiteren Geräusche.

Heute ist Sılas letzter Unterrichtstag mit dieser Klasse. Sie fährt für eine kleine Auszeit nach Hause zu ihren Eltern und wird im August ihr Studium in Oxford wieder aufnehmen. Deshalb hat sie keine Möglichkeit, die Klasse weiterhin jeden Samstag zu unterrichten. Während der Anwesenheitskontrolle hatte dies der Schulleiter auf Arabisch mitgeteilt. Auch wenn Sılas Arabisch noch nicht sehr fortgeschritten ist, konnte man unschwer das Thema der Konversation erahnen. Die Klasse ist sichtlich traurig und wird sie mit Sicherheit vermissen. Sie ist eine dieser Lehrpersonen, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ein Beweis dafür erhält Sıla gleich vor Ort: Alle zücken ihre Smartphones und wünschen sich noch ein Foto als Erinnerung zusammen mit Sıla. Respektvoll posieren sie mit ihr vor der Wandtafel und sehen sich sofort nach dem Schnappschuss das Resultat an. Viele bedanken sich persönlich bei ihr, schütteln ihr die Hand und wünschen ihr alles Gute. Auch in Sılas Gesicht ist eine leichte Traurigkeit zu erkennen, ihr fällt der Abschied auch nicht leicht. «Hier hatte ich ein sinnvolle Aufgabe und konnte den Flüchtlingen helfen, hier fühlte ich mich wirklich gebraucht», erklärt sie. Nachdem alle das Klassenzimmer verlassen haben, kontrolliert Sıla, ob sie alles eingepackt hat und huscht noch schnell ins Lehrerzimmer, um Administratives zu klären. Dann ist dieses Kapitel Geschichte in Sılas Leben.

Zurück auf der Strasse strahlt ihr die Sonne ins Gesicht. Endlich konnte sie sich durchsetzen. Die Rückreise dauert genauso lange wie die Anfahrt, nur sind jetzt die Transportmittel noch gefüllter, es ist Rushhour am Samstagnachmittag. Erschöpft aber zufrieden macht sie sich auf den Heimweg. Sie lebt in Besiktas, einem Viertel unweit vom Taksim Quartier. Im Bus telefoniert sie noch ausgiebig mit ihrer kleinen Schwester und ihrem entspannten Gesichtsausdruck ist zu erkennen, dass sie in diesem Moment mit ihren Gedanken nicht in einem vollgestopften Bus in der dreckigen Metropole ist, sondern zuhause. Auf ihrer Insel im Mittelmeer.

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