Ein Handwerk, das seine Zeit braucht

in Wetzikon, Schweiz

Ruhe, Feingefühl und Perfektionismus: Eigenschaften, die für die feine Kunst des Uhrmachers notwendig sind. Michel Scholl vereint diese in seinem Uhrenladen an der längsten Bahnhofstrasse Europas.

Pünktlich um 8.59 Uhr gehen die Fensterläden mit einem knarrenden Geräusch hoch. In Erscheinung treten glänzend geputzte Schaufenster. Ein neuer Tag beginnt. Routiniert wischt Michel Scholl hie und da Laubreste vom Eingang weg und grüsst dabei Passanten mit einem freundlichen «Grüezi».

Durch eine automatische Schiebetüre gelangt man ins Geschäft. In Glasvitrinen warten ausgewählte Uhren und Schmuckstücke auf einen neuen Besitzer. Kleine Scheinwerfer helfen dabei, die funkelnden Accessoires ins richtige Licht zu rücken. Der Raum ist hell und edel ausgestattet mit einem Boden aus grauen Schieferplatten. Rado, Meister, Hamilton, Omega – die Schriftzüge von berühmten Uhrenmarken zieren prominent die Verkaufsflächen. Aber nicht nur bekannte Luxusmarken gehen hier über den Tresen, Michel Scholl hat ein gutes Händchen für auserwählte Uhrenhersteller aus aller Welt – die ganze Bandbreite ist vertreten: «Wir verkaufen Uhren im Wert von 50 bis 100’000 Franken.»

Obwohl nur fünf Treppenstufen die Werkstatt vom Verkaufsladen trennen, hat man das Gefühl, eine kleine Zeitreise zu machen. Die Werkstatt ist mit antiken Holzmöbeln ausgestattet. Fein säuberlich aufgeräumt liegen kleine Werkzeuge auf den Arbeitsflächen. Jede Schublade und jede Schachtel wurde vor geraumer Zeit gewissenhaft angeschrieben. Doch auch moderne Maschinen, wie etwa ein Gerät, mit welchem die Wasserdichte getestet werden kann, stehen bereit für einen neuen Tag. Michel Scholl leitet das Uhrengeschäft in der dritten Generation. Deshalb fühlt man sich in der Werkstatt auch ein bisschen wie zu Grossvaters Zeiten. In einem dritten Raum ist das Büro und oberhalb des Geschäftes befinden sich zwei Wohnstockwerke. Zuletzt haben die Grosseltern in dem dreistöckigen Haus gewohnt. Beim Aufstieg zu den Wohnungen befinden sich weitere Zeugen der Zeit: alte Bilder, eingerahmt in zierlichen Bilderrahmen. Darauf finden sich ausschliesslich Uhrmacher-Motive.

An einem der Werkstatt-Tische arbeitet ganz konzentriert und vertieft Philipp Scholl. Erst beim zweiten Blick ist zu erkennen, dass es sich bei Philipp um den Zwillingsbruder von Michel handelt. Philipp arbeitet zu 50 Prozent im Geschäft seines Bruders und wenn er nicht gerade Uhren zu ihrem Takt verhilft, dann macht er das in der Musik – Philipp ist studierter Schlagzeuger und spielt in verschiedenen Jazz-Bands. Die Uhrmacherkunst hat er sich angelernt und ein Stück weit scheint er es im Blut zu haben, mit dieser feinen Technik umzugehen.

Wie viele Branchen befindet sich auch die der Uhren in einem Wandel: «Ich frage mich schon, wie ich die neue Generation erreiche. Viele der grossen bekannten Marken führen heute Monobrand-Filialen und sind somit nicht mehr auf Händler wie mich angewiesen. Ausserdem reisen die Leute deutlich mehr und kaufen mal da, mal dort etwas.» Zum Vergleich: «Mein Grossvater hatte eine Stammkundschaft während 50 Jahren – das ist heute kaum noch denkbar.» Die Bedürfnisse der heutigen Kundschaft haben sich stark verändert: «Kunden von heute haben sich oft bereits im Vorfeld informiert, kommen mit genaueren Vorstellungen zu uns und sind auch eher markenfixiert.» Uhren sind nach wie vor Prestigeobjekte. Und auch wenn die Einkaufsmöglichkeiten durch das Internet und das vermehrte Reisen grösser wurden, ist die Meinung und das Know-How des Fachmanns gefragt: «Dieses Vertrauen schätzen wir sehr und es macht schlichtweg grosse Freude zu sehen, wenn der Kunde glücklich und zufrieden mit seinem Entscheid ist.»

Um Grossvaters Erbe und die Liebe zur Uhrmacherei am Leben zu erhalten, passt sich Michel Scholl dem heutigen Zeitalter an: «In dieser Zeit, die von örtlicher und zeitlicher Unabhängigkeit geprägt ist, müssen wir uns mit unseren Dienstleistungen und unseren Kompetenzen abheben. Wir müssen für alles gewappnet sein.»

Und was hat es mit dem Schmuck auf sich, der neben den Uhren aus den Vitrinen funkelt? Scholl schmunzelt, diese Frage muss er nicht zum ersten Mal beantworten: «Das hat einen traditionellen Ursprung.» Kleiner Geschichtsexkurs: Im Genf des 15. Jahrhunderts war dem Reformator Johannes Calvin die Zurschaustellung von Reichtum so zuwider, dass er das Tragen von Schmuck verbot. Goldschmiede mussten somit eine Alternative zu ihrem gelernten Handwerk finden – so entstand die Uhrmacherei.

Michel Scholl selber trägt eine Porsche-Design-Uhr am linken Handgelenk: «Die Kunden schauen natürlich auch auf mein Handgelenk. Diese hier ist eine vollmechanische Uhr mit einer GMT- Funktion. Das heisst, ich habe die Möglichkeit, mir eine zusätzliche zweite Zeitzone anzeigen zu lassen. Wenn ich also beispielsweise Bangkok anwähle, springen die Zeiger vollautomatisch auf die gewünschte lokale Uhrzeit der thailändischen Hauptstadt. Das ist genial!»

«Ich mag die Vielseitigkeit der Uhrmacherei. Alte Uhren wieder zwäg machen ist eine wunderbare Arbeit.»

Wenn einem den ganzen Tag Fragen zur gewohnten Tätigkeit gestellt werden und reges Interesse an der eigenen Arbeit entgegengebracht wird, kommt man leicht ins Schwärmen – so ist das auch bei ihm. Um Komponenten und Funktionalität einer mechanischen Uhr zu erklären, holt er ein grosses Exemplar hervor und zerlegt es in seine Einzelteile. Dabei erklärte er, wie sich das Innenleben dieser Uhr zusammensetzt. Die Leidenschaft, welche Michel Scholl auch nach all den Jahren für das Uhrenhandwerk lebt, ist deutlich zu spüren. Darauf angesprochen: «Ich mag die Vielseitigkeit der Uhrmacherei. Alte Uhren wieder machen ist eine wunderbare Arbeit; das macht mir grosse Freude. Wenn dies dann noch mit Emotionen von Menschen verbunden ist, umso mehr.» Auch die Ästhetik spielt eine grosse Rolle: «Ich mag die stetige Suche nach neuen Designs.» Zur Vielseitigkeit seiner Funktion als Uhrmacher gehört ausserdem der Kundenkontakt, der ihm sehr wichtig ist. Immer wieder ertönt die Türklingel. Nachdem die Mitarbeiterin die Kunden empfangen hat, ist es oftmals das Wissen des Uhrmachers, das verlangt wird. Es kommen die unterschiedlichsten Anfragen und Wünsche: vom einfachen Batteriewechsel, über den Kauf einer neuen Uhr bis zu Reparaturen einer Wanduhr oder einer Kinderuhr.

12:00 Uhr, Mittagspause: Die Fensterläden werden wieder heruntergelassen und alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Auf Michel Scholls Stirn bildet sich eine kleine Sorgenfalte: «In unserer Branche ist Sicherheit ein grosses Thema. Jeder kennt die Geschichten aus den News: Mit Rammbock ein Juweliergeschäft ausgeraubt oder Ähnliches. Wir müssen uns davor schützen und auch das Personal schulen. Das ist sehr wichtig.» Er kontrolliert noch schnell, ob das Licht ausgeschaltet ist und verlässt anschliessend das Gebäude. Gleich neben gibt es ein Thai-Restaurant, wo er sich ein Mittagsmenu bestellt.

Während des Mittagessens fällt das Gespräch auf den Zwillingsbruder Philipp: «Er wollte nicht in einer leitenden Funktion sein, deshalb funktioniert die Zusammenarbeit auch so gut.» Und die Schwester? «Sie springt bei Bedarf gerne ein, aber ist grundsätzlich nicht im Familienbusiness tätig.» Herausfordernd nach der definitiven Übernahme des Geschäfts war vor allem die Personalführung: «Plötzlich ist der Junior der Vorgesetzte. Daran muss man sich natürlich zuerst gewöhnen. Alle Beteiligten, inklusive mir. Hinzu kommt der stete Vergleich mit dem Vater.»

1992 begann Scholl seine vierjährige Lehre zum Uhrmacher im elterlichen Betrieb. «Natürlich habe ich mich immer wieder gefragt, ob es das nun wirklich ist. Erst im letzten Jahr habe ich mich intensiv mit dieser Frage auseinandergesetzt und kam dann zum Schluss: Das ist es, was ich machen will.» Lediglich ein Jahr war er in einem anderen Geschäft tätig. Bereits ab 2003 begann er vermehrt Führungsaufgaben wahrzunehmen.

Michel Scholls Arbeitsplatz
Michel Scholls Arbeitsplatz

Wieder zurück in der Werkstatt setzt er sich konzentriert an den Arbeitstisch. Michel Scholls Leidenschaft für Uhren ist allgegenwärtig: Seine Augen leuchten, wenn er alte Utensilien seines Grossvaters auspackt, ein antikes Werkzeug oder eine Uhr der Extraklasse in den Händen hält. Neben Freude ist auch Stolz zu spüren. Noch immer werden Werkzeuge aus früheren Generationen genutzt: «Ich bin begeistert von der Qualität!»

«Unser Handwerk braucht Zeit; das verstehen manche Leute nicht. Alleine zu wissen, aus wie vielen Einzelteilchen eine Uhr besteht!», führt Michel aus und betont, dass eine Uhr mit viel Sorgfalt behandelt werden müsse. Wenn er in der Werkstatt seinen Mantel und sein Okular um den Nacken trägt, erinnert das Bild an einen Arzt mit seinem Stethoskop. Ein Okular ist eigentlich eine Art Lupe, die 2.5 mal bis 10-fach vergrössern kann und ist wohl das meistbenutzte Werkzeug eines Uhrmachers, das es in verschiedenen Formen und Farben gibt. Scholl trägt eines mit einer schönen Holzfassung.

«Die Uhrmacherei ist ein traditionelles Handwerk und Tradition verbinde ich mit Werten. Werten, die es zu pflegen und zu leben gilt.»

Gibt es eine Uhr, von der er träumt und die er selber gerne einmal am eigenen Handgelenk sehen würde? «Eine Uhr mit Minutenrepetition. Das heisst, dass bei solch einer Uhr ein Schieber betätigt werden kann, der einem dann mit Klängen die Uhrzeit angibt. Zum Beispiel bei 10.20 Uhr: Zehn Schläge für 10 Uhr. Ein Ging-Gong für 15 Minuten und fünf weitere Schläge für die fünf Minuten bis 20. Mir gefällt dabei besonders die Kombination aus Handwerk und Klang.» Wenn er von höchster Uhrmacher-Kunst erzählt, leuchten seine Augen vor Begeisterung. Er pflegt auch eine fast schon romantische Haltung gegenüber dieser Handwerkskunst: «Die Uhrmacherei ist ein traditionelles Handwerk und Tradition verbinde ich mit Werten. Werten, die es zu pflegen und zu leben gilt.»

Der Tag vergeht wie im Flug und um 17.50 Uhr schaut Michel Scholl kurz auf die Wanduhr in der Werkstatt, wo ihm doch tatsächlich ein «Oh, stimmt diese Uhr?» herausrutscht. Natürlich ist Verlass auf die Uhr im Uhrenladen und langsam denkt auch er ans Aufräumen. Um 18.30 Uhr schliesst seine Türen und Michel macht sich auf den Heimweg. Morgen steht er am Abend als Bassist auf der Bühne und muss noch seine Sachen packen. Er spielt in drei verschiedenen Bands. Eine der Bands ist «FLOMA forte» und ebendiese beschreibt sich als natürliches Antidepressivum. Leicht verträgliche Popklänge auf Jazzbasis, die gute Laune machen.

Nach einem ganzen Tag im Laden und der Werkstatt an der Seite von Michel Scholl, hat sich für die Autorinnen etwas verändert: Der Blick auf die Uhr ist nicht mehr derselbe. Sogleich erscheint das Bild eines Uhrmachers, der mit dem Kopf nur wenige Zentimeter über der Tischplatte sich über eine kleine Stahlfeder beugt, das Okular auf dem einen Auge und das andere zukneifend. Mit der Nasenspitze fast die Feder berührend, spannt er mit einem ruhigen Atem, unbeirrt und mit gekonnten, fast unmerklich feinen Bewegungen, die kleine Feder wieder ins Uhrwerk ein. Die Uhr ist nicht mehr nur eine Uhr, sondern ein kleines Kunstwerk.

// Dieses Portrait ist in Zusammenarbeit mit dem Gewerbeverein Wetzikon entstanden.







Willst du mehr über Michel Scholl wissen? Zum Steckbrief