Drei Jahre für ein ganzes Leben

in Zürich, Schweiz

Sarah Scarnato hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Leben ihres Grossvaters aufzuschreiben, weil er es selbst nicht schaffte. Heute ist Vernissage.

Sarahs Hände sind kalt. Schweiss glänzt auf ihrer Stirn. «Scheisse. Ich schaff das nicht!» Es ist kurz nach Mittag. Noch sechs Stunden. Sechs Stunden, bis sie im schwarzen Abendkleid vors Publikum tritt und sagt: «Ich weiss noch genau, wie ich auf Grossvaters Esstisch ein beschriebenes Blatt Papier entdeckt habe, das mich neugierig machte.»

Noch hängt das Kleid am Bügel. Sie macht sich Sorgen, dass es zu eng ist. Wäre es nach dem Grossvater gegangen, hätte sie sowieso das lange Braune anziehen sollen. «Oder das alte Sennechutteli vom Grossmami.» Sie setzt sich hin, nimmt einen Schluck Kaffee, Milch, Zucker und zündet sich eine Zigarette an. Die Ideen des Grossvaters. So oft ganz anders als ihre eigenen. Und trotzdem ist Sarah während fast drei Jahren jede Woche zu ihm nach Hause gefahren, hat sich hingesetzt, ihm zugehört und seine Lebensgeschichte für ihn aufgeschrieben.

November 2012. Sarah ist vor Kurzem dreiunddreissig geworden. Wie jeden Dienstag besucht sie ihren Grossvater. Er kocht das Mittagessen. Sarah sitzt zwischen schweren, alten Holzmöbeln am Esstisch. Neben ihrem Teller liegen Schachteln, Briefe, Schreibkram, ein Lederkoffer mit Altpapier, Sammlermarken, Notizblöcke, Büroklammern, eine Lupe. Dazwischen ein beschriebenes Blatt Papier. Die Buchstaben riesig, der Grossvater fast blind. Sarah liest. Die Worte scheinen wahllos zusammengewürfelt, die Sätze ohne Anfang und Ende. Was das sei, fragt sie. «Mein Leben», antwortet er. Sarah versteht nicht. Er öffnet eine grosse Schachtel. Tausend A4-Seiten, mit dickem, schwarzem Filzstift beschrieben. Fragmente aus einem knappen Jahrhundert. Der Grossvater als Kind im Zürich der 20er-Jahre, als Aktivdienstler während des zweiten Weltkriegs oder als Hotelkoch im Berner Metropole. Erinnerungen an Bubenstreiche, ans geliebte Bündnerland und an sein «Darling», Sarahs Grossmutter. Er schreibe ein Buch, seine Biografie. Sarah schaut auf das Chaos, denkt an die wirren Sätze. So wird das nie was. Einen Augenblick später hört sie sich sagen: «Ich habe zwar keine Ahnung vom Bücherschreiben, aber weisst du was, ich schreib’s für dich.» Heute sagt sie: «Wenn ich damals gewusst hätte, was auch mich zukommt!» Sie holt das Buch aus ihrer Umhängetasche. Fast sechshundert Seiten umfasst Alex Werthmüllers Biografie «Mein Lebensmosaik». Heute Abend ist Vernissage. Noch fünf Stunden.

Sarah muss raus, runter an den Zürichsee, was essen in der Roten Fabrik. Später kriegt sie sowieso nichts mehr runter. An der Vernissage will sie über den Entstehungsprozess sprechen. Darüber, wie viel sie aus dem Leben ihres Grossvaters erfahren hat, wie sie ihn und sich selber auf eine neue Art kennengelernt hat. Aber sie hadert noch, ist sich nicht sicher, ob sie die richtigen Worte findet. Sie möchte etwas sagen über den Kampf, den sie während der letzten Jahre mit sich ausgefochten hat, darüber, dass sie Dinge aufgeschrieben hat, die sie selber nie so sagen würde. Über die Kluft, die sich manchmal zwischen ihren eigenen Ansichten und denjenigen des Grossvaters auftat. «Ich kann mich an Zeiten erinnern, in denen ich mir nicht sicher war, ob ich’s wirklich packe. Ob ich’s schaffe, ihm das Werk so zu schreiben, wie er es sich wünschte.» Da ist zum Beispiel der «grosse Unbekannte», dem der Grossvater das Buch widmet. Er sei nicht religiös, aber gläubig, sagt er später. Für Sarah ist das ein und dasselbe. Sie glaubt an keinen Unbekannten und an keinen Herrgott. Sie glaubt auch nicht, dass sie von jemandem beschützt und durchs Leben geleitet wird. Vielmehr fühlt sie sich manchmal vom Leben überfordert. Es gibt Zeiten, in denen sie kaum Kraft hat, sich dem Tag zu stellen. Noch vier Stunden.

Sarah lässt den Rest ihres Gemüsecurrys stehen. Sie hat Kopfschmerzen und ein flaues Gefühl im Magen. In der Schule hat sie Prüfungen gehasst. Die ganze Schulzeit sei eine Qual gewesen. Sie spricht nicht gern darüber. Mit neunzehn ging sie fort, nach Thailand, Indien, Nepal. Dort war sie glücklich. Dort wollte keiner was von ihr. Sie hat in Strandbars gesungen und mit Feuerbällen jongliert, ist mit dem Mofa durch die Gegend gedüst und hat Thai gelernt. Wieder zurück, hat sie eine Lehre als Kleinkindererzieherin gemacht, heute arbeitet sie in einem Hort. Ihr Körper ist vom kleinen Finger bis zum kleinen Zeh von einer tätowierten Kletterpflanze umschlugen. Freiheit findet sie beim Tanzen, am liebsten draussen, weit weg von der Stadt. Morgen Abend wieder, wenn alles vorbei ist. «Was soll ich denn schreiben, wenn einer nach einer Widmung fragt?»

Was, wenn der Grossvater plötzlich den Faden verliert? Was, wenn er wieder anfängt zu stottern, so wie früher? Was, wenn ihr die Stimme versagt, der Hals zu trocken ist zum Sprechen? Noch ein Kaffee, noch eine Zigarette. Dann geht sie dem See entlang zurück zur Wohnung einer Freundin. Sarah steht vor dem Spiegel, steckt sich die schwarzen Haare hoch. «Ich glaube, ich wäre gerne mal wieder blond.» Makeup, glitzernder Lidschatten, grosse, grüne Augen. Das Kleid und die hohen Schuhe zieht sie noch nicht an. In eine Papiertüte packt sie Geschenke für ihren Neffen, der morgen Geburtstag hat. Sarah hat drei Geschwister, zwei Schwestern, einen Bruder. Jessica, die zweitjüngste, wird die Vernissage als Sängerin begleiten. Sie reist aus dem Wallis an. «Hoffentlich kommt sie heute mal rechtzeitig.» Noch drei Stunden.

«Grosspapi, in der Kürze liegt die Würze»

Am Paradeplatz steigt Sarah aus dem Tram. Sie will zu Fuss rüber Richtung Limmatquai. Ein paar Touristen fragen, ob sie ein Foto von ihnen macht. Sie versucht, das Grossmünster mit aufs Bild zu kriegen. «Das ist einer der schönsten Orte in Zürich, die Altstadt, der Fluss, der Blick Richtung See.» Sie setzt sich ans Ufer, legt das Abendkleid über die Quaimauer und schaut hinüber zum Zunfthaus, wo die Vernissage stattfindet. Sarah wäre gerne Sprecherin geworden, aber ohne Journalismusausbildung kriegt sie keine Jobs. Heute schenkt sie dem Grossvater ihre Stimme. Sie liest ein Kapitel aus seinem Leben: Der Grossvater, Mitte zwanzig, noch nicht lange verheiratet. Ein kleiner Hof am Brienzersee, um die Schweiz herum Krieg. Raupen, die den Salat fressen, ein verletztes Huhn. Zwiegespräche mit Gott, dem grossen Unbekannten, eine Liebschaft im Hotel Bristol, ein Betrunkener mit aufgeschnittenen Pulsadern. Drängende, rastlose Geschichten von einem, der im Alltäglichen das Besondere sucht. «Grosspapi, in der Kürze liegt die Würze», sagte Sarah oft. Manchmal hörte er sie, meistens nicht.

Sarah geht über die Münsterbrücke. Kurz steht sie still, schaut auf die Limmat, die kleinen Wellen, die Schwäne. Die Sonne scheint ihr ins Gesicht. Die Kopfschmerzen sind stärker geworden. Sie geht die Treppe zum ersten Stock des Zunfthauses hoch. Auf der Schwelle zum Zunftsaal bleibt sie stehen. Zehn Reihen weiss gedeckter Tische füllen den Raum, flankiert von wuchtigen Holzstühlen. Gläser und Mineralwasserflaschen stehen bereit. Hundertzwanzig Personen sind angemeldet. An der Längsseite des Saals befindet sich ein hölzernes Rednerpult. «Da komm ich mir ja vor wie ein Priester in der Kirche.» Sarah stellt sich hinters Pult. Der Raum mit den schweren Deckenbalken, den Ölgemälden und den Kerzenleuchtern an den Wänden verschlingt sie fast. Das Pult reicht ihr bis zum Kinn, das Mikrofon verdeckt ihr Gesicht. Hinter ihr hängt ein grossformatiges, anatomisches Abbild eines Kamels auf grünblauem Hintergrund. Das Wappen der Zunft zum Kämbel. «Ich brauche jetzt erst mal ein Glas Weisswein, sonst überlebe ich das hier nicht.» Das schwarze Kleid hängt sie hinter die Bühne. Noch zwei Stunden.

Der Grossvater kommt zu Fuss vom Hauptbahnhof her. Gestützt auf einen Stock mit verziertem Silberknauf, setzt der grosse, hagere Mann einen Fuss vor den andern. Sarah beobachtet ihn. Er ist vor ein paar Tagen dreiundneunzig geworden. Unter dem beigen Trenchcoat trägt er einen bordeauxroten Anzug und Krawatte. Das schulterlange, hellgraue Haar ist in der Mitte gescheitelt, wache Augen glänzen hinter dicken, orangen Brillengläsern. Damit kann er Helles besser von Dunklem unterscheiden. Sarah sieht er nicht. «Grosspapi, hier bin ich!» Er küsst die Enkelin auf die Wange, nimmt sie in die Arme. Sie führt ihn zum Tisch, wo er sich einen Tee bestellt. Er nimmt Sarahs Hand. «Wie geht es dir? Bist du aufgeregt?» fragt er. Sarah lacht. «Was denkst du denn?» «Ich bin ja auch noch da.»

Sarahs Schwester und der Verleger kommen. Kisten voller Bücher werden in den Saal getragen, ein Verkaufstisch aufgebaut, eine Stuhlreihe für die Redner hingestellt. Sarahs Schwester singt sich ein. Für kurze Zeit steht alles still. Der Grossvater zieht sich ins Restaurant zurück. Die Jungen werden schon alles richtig machen. Ein altes Sächsitram fährt vorbei. Als er ein Kind gewesen sei, hätten sie Einräppler auf die Schienen gelegt und das Tram drüberfahren lassen. Danach habe das Geldstück genau die richtige Grösse gehabt, um sich am Automaten für fünf Rappen einen Kaugummi zu holen. Noch heute trägt er stets einen Einräppler bei sich. «So ist das Portemonnaie nie leer.» Noch eine Stunde.

Draussen treffen die ersten Gäste ein. Sarah umarmt die Mutter, die grosse Schwester, den kleinen Bruder, Vasco, ihren engsten Freund, dem sie später danken wird. Für die Unterstützung, fürs Zuhören, fürs Gemeinsam-Durchstehen. «Ich habe ja gar nichts gemacht», sagt er.

Der Platz vor dem Zunfthaus füllt sich. Freunde des Grossvaters, des Verlegers, bekannte Gesichter von früher. Sarah mittendrin. «Bist du das Enkeli vom Alex?» Stolz sind sie, berührt von der Geschichte, vom Geschenk, das sie dem Grossvater gemacht hat. Sarah lässt sich vor dem Eingang auf einen Stuhl fallen. Noch ein Schluck Weisswein, eine letzte Zigarette. Es ist Zeit. Sie geht hinter die Bühne, zieht sich um. Noch schnell auf die Toilette. Sie kriegt das Kleid nicht auf.

Vor dem Saaleingang wartet der Grossvater. Er hat sich das rote Sennechutteli übergezogen. Es erinnert ihn an die Zeit mit Sarahs Grossmutter. Sarah hilft ihm beim Zuknöpfen. Der Saal ist bis auf den letzten Platz besetzt. Sarahs Schwester fängt an zu singen. Der Grossvater setzt sich das Chäppi auf. «Jetzt sind wir soweit, gäll?» Sie gehen hinein.

Der Verleger hält eine Ansprache. Neben ihm der Grossvater, eingesunken im schweren Stuhl, den Kopf auf die linke Hand gestützt, als wäre er nicht mehr da. Sarah in ihrem schwarzen Kleid, elegant, ruhig, schaut ihn an. Er hebt den Kopf, drückt ihre Hand. Sie steht auf. «Ich weiss noch genau, wie ich auf Grossvaters Esstisch ein beschriebenes Blatt Papier entdeckt habe, das mich neugierig machte.»

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