Ausrede für eine Rückkehr

in Manizales, Kolumbien

Obwohl Esperanza Cárdenas die Möglichkeiten schätzte, die sich ihr in den USA präsentierten, konnte sie ihren Bürojob nicht mehr ausstehen. So entschloss sie sich zu einem grossen Schritt: Sie kehrte mit ihrer Familie nach Kolumbien zurück, kaufte ein Stück Land in Manizales und begann Kaffee zu produzieren.

Wir sind in Manizales, der lebendigen Hauptstadt des Bezirks Caldas, mitten in Kolumbien und mein Tag mit Esperanza beginnt wie so vieles hier – mit Warten. Es sind aber nur zehn Minuten, was in Manizales immer noch als pünktlich gilt. Ich hatte Esperanzas Verspätung mit einberechnet und war selber fünf Minuten zu spät, was mir immer noch genügend Zeit liess, schnell mein Smartphone aufzuladen. Nach gut drei Monaten in Kolumbien bin ich lateinamerikanische Zeitbegriffe mehr als gewöhnt. Von Beginn weg kam ich ständig zu spät, da meine Tendenz, die Tage mit Aktivitäten und Terminen zu überladen mit den lokalen Transportmitteln und dem generellen Zeitmanagement in Kolumbien kollidierte – perfekte kulturelle Anpassung also.

Nach dem üblichen Cómo-vas?-excelente!-y-tú? ergiesst sich ein Schwall von Entschuldigungen über mich – in schnellem Spanisch, versteht sich. Und nein, sie entschuldigt sich nicht wegen ihrer Verspätung, wir sind immer noch in Manizales und dürfen nicht vergessen, dass man zehn Minuten zu spät immer noch pünktlich ist. «Unser Auto ist gestern kaputt gegangen, darum konnte John mit den Einkäufen nicht zurück auf die Finca fahren, und jetzt sind die Einkäufe immer noch im Geschäft und wir müssen einen kleinen Umweg machen und zuerst zu La Galería fahren, bevor wir auf die Finca gehen, lo siento, ich hoffe, das ist in Ordnung für dich; solche Dinge passieren, da unsere Finca nicht touristisch ausgerichtet ist und wir haben keine fixen Zeitpläne für unsere Gäste und alles ist mehr oder weniger spontan... aber darum wolltest du uns ja kennenlernen, oder?» Atempause.

Genau. Ich hatte mich für die eher unbekannte Finca Café Tío Conejo entschieden, weil ich auf der Suche nach einer authentischen Erfahrung war. Für mich hiess das, einen oder zwei Tage mit Esperanza auf der Finca zu verbringen. Und da Esperanza ihre Tage unter anderem auch mit ihren Gästen verbringt, komme ich in diesem Bericht öfters vor als ich sollte. Eine authentische Erfahrung, also. Anfangs war ich nicht sonderlich erfreut, denn ehrlich gesagt bin ich auch auf der Suche nach einer guten Tasse Kaffee – nach drei Monaten in einem Land, das weltweit berühmt ist für seinen Kaffee, beschränkte sich meine Kaffeeerfahrung auf fade Flüssigkeiten, die allenfalls die Farbe mit dem Getränk, das wir in Europa Kaffee nennen, gemeinsam hatte. Als Esperanza dann aber meine Kaffeeträume unterbricht, um mich in perfektem Englisch zu fragen, welche Sprache mir denn lieber sei, muss ich einsehen, dass meine Vorurteile über Kaffeebäuerinnen nicht unbedingt zutreffend waren. Und dass die authentische Erfahrung ganz anders werden könnte, als ich gedacht habe.

Esperanza ging 1999 mit ihrer Familie in die USA, wo sie die Schule und Universität besuchte und nach dem Abschluss während mehrerer Jahre für eine internationale NGO arbeitete. Sie erreichte, wonach viele Kolumbianer streben: Sich in den USA etablieren und den amerikanischen Traum verfolgen. Vor zwei Jahren aber entschied sich die Familie, in ihrem Heimatland eine Finca zu kaufen und Kaffee anzupflanzen. Keines der Familienmitglieder hatte Erfahrung im Kaffeeanbau. Für Aussenstehende ist diese Entscheidung vielleicht nicht weiter überraschend, wenn man annimmt, dass alle Kolumbianerinnen wissen, wie man Kaffee anbaut. Es ist aber genau so absurd, wie zu denken, dass alle in der Schweiz Experten in der Käseherstellung seien und jederzeit einen Bauernhof übernehmen könnten. «Die Finca war unser Grund, mehr noch, sie war unsere Ausrede für eine Rückkehr.» Und dann kommt er, der abgenutzte Satz, der immer fällt, wenn es um Lebensqualität in Lateinamerika geht: «In Kolumbien arbeiten die Menschen, um zu leben; wir leben nicht, um zu arbeiten.» Denn auch wenn Esperanza mehr arbeitet, seit sie in den Bergen Kolumbiens lebt, zieht sie es vor, in einem Land zu leben, wo ihre Mittagspause nicht minutengenau abgerechnet wird. Das Leben hier in Kolumbien bringt sicher Herausforderungen mit sich, aber es ist definitiv más relajada, viel entspannter.

Nach einiger Zeit im Stau kommen wir endlich bei La Galería an, ein geschäftiger Lebensmittelmarkt und gleichzeitig der einzige Ort in der Stadt, den man als Tourist unbedingt meiden sollte. Zu gefährlich, wie mir der Besitzer meines Hostels tags zuvor erklärt hatte. Ich lasse mich von solchen Warnungen aber nicht mehr abschrecken, seitdem ich an so obskuren und gefährlichen Orten wie Pablo Medellin's früherem Ghetto in Medellín war, Cali (eine der zehn gefährlichsten Städte der ganzen Welt) besucht und zahlreiche Fahrten mit dem Nachtbus überlebt habe. Zu gefährlich beeindruckt mich schon lange nicht mehr.John, der den kleinen Transporter fährt, geht normalerweise einmal pro Woche einkaufen. Als Manager der Kaffeeproduktion ist er sowohl verantwortlich für jeden Produktionsschritt als auch für das ganze Team, das ausschliesslich aus seiner Familie besteht. Esperanza würde es wohl vorziehen, wenn ich mit ihr im Auto warten würde, aber ich steige aus dem Transporter und begleite John auf seiner Einkaufstour. Marktschreier, Früchte in allen Farben und rohes Fleisch.

«In Kolumbien arbeiten die Menschen, um zu leben; wir leben nicht, um zu arbeiten.»

Nach einem weiteren Zwischenhalt bei einem Supermarkt machen wir uns endlich auf den Weg zur Finca. Die halbstündige Fahrt führt uns an einer kleinen Favela vorbei, bunt zusammengewürfelt und ziemlich heruntergekommen kauern die Hütten an einem steilen Abhang, direkt unterhalb eines modernen Einkaufszentrums. «Der Regen macht das Leben gefährlich in dieser Favela», sagt Esperanza. «Nach starken Regenfällen kommt es zu Erdrutschen und die Hütten werden zerstört. Die Regierung versucht nun die Leute dazu zu überreden, in die Neubauten dort drüben zu ziehen. Was meinst du dazu, John? Es tönt zwar vernünftig, aber ich weiss trotzdem nicht recht, was ich davon halten soll.» Dann spricht sie über Ungleichheit in Kolumbien, über die längst überfälligen Landreformen und über Armut im Allgemeinen.

Auf der Finca angekommen, tischt uns Chava die beste Mahlzeit auf, die ich je in Kolumbien gegessen habe: Reis mit Pouletfleisch, Patacones (grüne Kochbananen, in Scheiben geschnitten und frittiert), frittierte Yuca und Salat. Nicht dass ich ähnliches nicht schon einmal probiert hätte, die Zutaten sind alltäglich in Lateinamerika. Die Zubereitung macht den Unterschied. Nachdem wir alle gegessen haben, ist es endlich soweit: Esperanza präpariert uns eine Kanne lokal angebauten Kaffees. Die Zubereitung könnte nicht simpler sein und kommt ohne teure Kaffeemaschinen aus. Sie mahlt die gerösteten Kaffeebohnen in einer Handmühle und filtert dann den gemahlenen Kaffee. Wenn ich ihr so zusehe, fühle ich mich mehr an Chemieunterricht während meiner Gymnasiumzeit erinnert denn an Kaffeebrauen. Esperanza lässt sich Zeit und ist voll konzentriert, auch wenn sie jeden Handgriff in- und auswendig kennt. Langsam läuft der Kaffee durch den Filter, mit jedem Tropfen, der in die Kanne fällt, wird ein kleines bisschen Geschmack aus dem Kaffeepulver gewonnen. Meinen ersten Schluck nehme ich unter dem prüfenden Blick der Kaffeekünstlerin. Zum Glück muss ich meine Begeisterung nicht vorspielen – ich hätte es nicht übers Herz gebracht, ein Getränk zu kritisieren, das Esperanza so viel bedeutet.

Kaffee ist das Gesprächsthema, das über unseren Tassen schwebt. «Wir hatten keine Ahnung, wie man Kaffee anbaut, als wir hierher kamen. Zum Glück haben wir die Unterstützung von John und seiner Familie, die ihr ganzes Leben lang Kaffee angepflanzt haben.» Mitten in die Unterhaltung schleicht sich ein kleines Kätzchen und lenkt Esperanza ab: «Eines Tages war Leche («Milch») einfach da und hat sich entschieden zu bleiben. Wir haben keine Ahnung, wo er hergekommen ist. Wir haben noch mehr Katzen, aber dieses schlaue Kerlchen ist mein absoluter Liebling.»

Die Arbeit auf der Finca ist aufgeteilt – Esperanza und ihre Familie verwalten die Finca und vermarkten den Kaffee. Die Arbeit auf dem Feld und die Verarbeitung des Kaffees werden von John und seiner Familie erledigt. Die meisten Kaffeebauern verkaufen ihre Bohnen an industrielle Verarbeitungsunternehmen und haben keine Ahnung, wo ihr Kaffee landet. Die Philosophie von Café Tío Conejo ist da ein wenig anders. Die Familie hat sich für den mühsameren Weg entschieden und versucht, ihre eigene Kaffeemarke zu etablieren und den Kaffee direkt zu exportieren. Bislang ist Café Tío Conejo nur in den USA erhältlich, aber die Familie sucht ständig nach neuen Gelegenheiten, um ihr Geschäft zu erweitern. «Jetzt haben wir bereits eine Kontaktperson in der Schweiz. Was ist nochmal dein Hauptfach? Marketing? Perfekt. Wir kontaktieren dich, sobald du wieder in der Schweiz bist!»

Esperanza kann aber ihr Produkt am besten selbst verkaufen: «Wir haben uns auf eine einzige Kaffeesorte spezialisiert. Ausserdem ernten wir die Bohnen erst, wenn sie ganz ausgereift sind und wir haben ein striktes Auswahlverfahren. Darum schmeckt unser Kaffee so speziell. Wenn du die Ernten von sechs verschiedenen Kaffeeplantagen zusammenmischst, geht dieser Geschmack verloren.» Kaffeekenner erkennen eine fruchtige und schokoladige Notee in Esperanza’s Kaffee. Café Tío Conejo baut ausschliesslich Caturra, Borbón, Típica und Castillo an. Das sind alles ausgewählte Unterarten der Arabica-Familie, eine der beiden Hauptsorten. Die andere Hauptsorte ist der Robusta- oder Tiefland-Kaffee. Arabica besitzt einen milderen Geschmack und wächst eher in höheren Lagen. Darum wird in den Anden Kolumbiens vor allem diese Sorte angebaut.

Nach der Kaffeepause unterhält sich Esperanza mit einigen der Angestellten und erkundigt sich nach ihrem Befinden und nach der Arbeit. Esperanza macht eher den Eindruck einer guten Freundin als den einer Chefin, wenn sie mit ihren Angestellten spricht. Sie strahlt eine unglaubliche Ruhe und Zufriedenheit aus und es ist offensichtlich, dass sie den Ort gefunden hat, an dem sie alt werden will.

Es ist schon später Nachmittag, als wir nach unseren Wanderstöcken greifen und uns Richtung Plantage aufmachen. Esperanza verabschiedet sich von der kleinen Katze, die uns noch so gerne begleiten würde. Stattdessen gesellt sich Panela zu uns, ein freundlicher Labrador mit dunklem Fell, der als Wächter der Finca nicht besonders abschreckend wirkt. Café Tío Conejo ist mit 12 Hektaren eine eher kleine Kaffeeplantage, die dennoch stolze 200 Kilogramm Kaffee pro Tag abwirft. Die Plantage erstreckt sich über einen steilen Hang und ist unzugänglich für Fahrzeuge. Geerntet wird deshalb ausschliesslich von Hand.

«Schau dir diesen Strauch an. In einer Pflanze findest du Knospen, Blüten und reife Früchte zur selben Zeit.»

Esperanza macht plötzlich einen Halt bei einem der Kaffeesträucher. «Hier siehst du, was der Klimawandel für Auswirkungen hat in Kolumbien», sagt sie. Noch vor wenigen Jahrzehnten konnten Kaffeebauern zwei Mal im Jahr ernten. Die Zeiten haben sich geändert. «Schau dir diesen Strauch an. In einer Pflanze findest du Knospen, Blüten und reife Früchte zur selben Zeit.» Wenn Esperanza über Kaffee spricht, tut sie dies andächtig und beinahe meditativ. Ihre Hände berühren den Kaffestrauch mit derselben Zärtlichkeit, mit der sie ihr neugeborenes Kind anfassen würde.

Ein überraschendes Gelächter unterbricht ihre Meditation. John's Familie macht eine Pause hinter einem der kleinen Hügel neben dem Weg und unterhält sich fröhlich. Als wir zu ihnen hingehen, nehmen sie ihre Arbeit umgehend wieder auf und zeigen mir, wie ich die roten, reifen Früchte ernten muss. Keine allzu schwierige Aufgabe für 20 Minuten, aber eine ziemliche Herausforderung für einen ganzen Tag – vor allem, wenn man so schnell pflückt wie John und seine Familie.

Wir gehen weiter bergauf und kommen zu einer romantischen Hütte. «Diese Hütte wurde vor rund hundert Jahren gebaut, sie war das erste Gebäude auf diesem Grundstück.» Der hübsche Bungalow mit seinen zwei Zimmern wurde sorgfältig renoviert und wirkt einladend. Eine weitere, kleinere Hütte gleich nebenan wird zur Zeit renoviert und steht bald Gästen zur Verfügung. «Das könnte unsere Hochzeitssuite werden. Flitterwochen inmitten einer Kaffeeplantage, das tönt doch gut, oder? Wir würden sehr gerne mehr Gäste aufnehmen, aber wir haben nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Vor zwei Jahren haben wir eine Touristengruppe beherbergt. Wir waren skeptisch von Beginn weg, da wir noch nie so eine grosse Gruppe empfangen hatten. Wir liessen uns schliesslich überreden und das Ganze war eine Katastrophe. Sie erwarteten von uns einen Service rund um Uhr, Swimmingpool und Unterhaltung. Natürlich wurden ihre Erwartungen enttäuscht. Seit diesem Erlebnis wählen wir unsere Gäste sehr sorgfältig aus.»

Zeit für den Abstieg. Panela, die Labrador-Hündin, läuft Esperanza ständig vor die Füsse. «Ach, dieser Hund macht mich noch wahnsinnig! Sie ist so anhänglich und weicht mir nicht von der Seite. Es war wohl Liebe auf den ersten Blick – ich habe keine Ahnung, warum sie mich so liebt. Natürlich ist sie ein guter Hund und ich mag sie, aber ihre anhängliche Art macht mich verrückt.» Esperanza ist definitiv ein Katzenmensch: «Letzte Woche ist Leche den ganzen Weg bis zur Hütte hochgegangen, um die Nacht mit unseren Gästen zu verbringen. Ist er nicht ein kluges Tier?» Katzenliebhaber wissen ganz genau, wovon sie spricht.

Zusammen mit den Arbeitern erreichen wir den Ort, wo die Kaffeebohnen verarbeitet werden. Die Arbeiter schleppen die schweren Jutesäcke zur Waage und leeren sie, nachdem die Ernte gewogen worden ist. John notiert das Gewicht der Ernte und behält den Überblick über die Leistung der Arbeiter. Unterdessen zeigt mir Esperanza die weiteren Schritte der Verarbeitung. Umgehend nach der Ernte müssen die Bohnen gewaschen und sortiert werden. Bohnen, die auf der Wasseroberfläche schwimmen, werden genau untersucht, um sicherzugehen, dass sie den hohen Qualitätsansprüchen genügen. Dann kommt zum ersten und letzten Mal eine Maschine zum Einsatz: Die roten Schalen werden von den weissen Kernen getrennt, welche anschliessend auf einem Bett aus Guadua – kolumbianischer Bambus – ausgebreitet und von der Sonne getrocknet werden.

Sobald ich über einen der Verarbeitungsschritte etwas genauere Auskunft haben will, weiss Esperanza nicht mehr weiter und muss John um Hilfe fragen. Sie weiss zwar eine Menge über ihr Produkt, aber John ist definitiv der Experte. Und auch wenn jeder jedem hilft, sind doch die Rollen und Aufgaben klar verteilt. Die Weiterverarbeitung der Bohnen – das Entfernen der zweiten Schale und das Rösten der getrockneten Bohnen – findet nicht mehr auf der Finca statt, sondern in Armenia, einer weiteren Kaffee-Stadt rund 100 Kilometer südlich von Manizales.


Um sechs Uhr verschwindet die Sonne hinter den Hügeln und die Arbeiter machen Feierabend. Besonders auf dem Land sind die Tage in Kolumbien früh zu Ende. Nach einem leichten Abendessen schaut John noch einmal kurz vorbei, teilt Esperanza mit, wie viel heute geerntet wurde und diskutiert mit ihr die morgigen Aufgaben. Dann beschliessen wir den Tag mit einer Michelada, einem Getränk aus Bier und Zitronensaft, serviert in einem Glas mit Salzrand. Noch ein paar Worte über Kaffee und die Finca, ein Telefongespräch mit ihrer Schwiegertochter, ein letztes Mal das Kätzchen knuddeln y ya – Esperanzas Tag ist zu Ende.

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