Artist, Autist, Aktivist

in Berlin, Deutschland

Manu Chao ist mehr ist als ein Musiker. Das zeigt sich gerade an einem Konzerttag am besten. Ein Tag mit ihm und seiner Band La Ventura in Berlin.

Es ist ein wettertechnisch aushaltbarer Juniabend in Berlin, ein Samstag. In einer Hotellobby legt zum Spass Chet Faker auf, darum bin ich da. Vor dem Eingang tummeln sich etwa zwei Dutzend Menschen. Morgen spielt Manu Chao mit der Band, die zurzeit La Ventura heisst, in der Zitadelle Spandau nahe der Stadt. Abgemacht ist, den Montag gemeinsam zu verbringen – so wurde es zumindest per Mail besprochen. Es ist kurz nach Mitternacht zwischen Samstag und Sonntag, als ich im Halbdunkel vor jenem Hotel einen kleingewachsenen Mann mit Dachmütze an einer Zigarette ziehen sehe. Hosen bis über die Knie, Tanktop, Flip Flops. Ist das Manu Chao? Zwei Meter neben ihm steht ein grosser, wuchtiger Mann mit Glatze. Das muss Gambeat, der Bassist, sein. «Manu?» - «Sí!» Was für ein Zufall.

Eine Viertelstunde später steht er an unserem Tisch, stellt sich vor, «Hola, Manu», und drückt mir einen All-Access-Pass für den folgenden Konzerttag in die Hand: «Wenn du willst, kannst du morgen um 13 Uhr hierher kommen und wir fahren gemeinsam im Band-Van zum Konzertgelände. Dort können wir zusammen essen und du siehst den Soundcheck.» Ich frage, ob das wirklich möglich ist. «Klar, du bist jetzt Teil der Familie.»

Zwölf Stunden später, derselbe Tisch vor dem Hotel. Es ist 13 Uhr, die Sonne scheint, noch keiner da. Vorne spaziert einer mit Gitarre auf dem Rücken hinein – er sieht nicht aus, als hätte er im Hotel geschlafen. Die beiden Trompeter, der mit der Gitarre von vorhin und Manu treten an die Helligkeit, blinzeln, setzen sich hin. Letzterer holt eine kleinere Gitarre aus einer schwarzen Hülle – «Sie ist aus Cordoba, Argentinien. Ich liebe sie» – spielt und wird nicht aufhören bis zum Soundcheck. Die Szene in der Berliner Sonntagssonne sieht so friedlich aus, dass ich reflexartig ein Foto machen will. Ich frage, ob ich darf. Lieber nicht, sagt Manu zwischen den Akkorden. Aber ich werde Fotos für den Text brauchen. «Las tendras» – du wirst sie haben – antwortet er und ich habe keine Ahnung, was er damit meint. Doch heute bin ich Teil der Familie und die lügt er ja wohl nicht an.

Gegen 13.30 Uhr haben sich alle in den unauffälligen, schwarzen Mercedes-Van gezwängt, Manu und Gitarrist Madjid ganz hinten in der Ecke. Sie spielen einen Song, der wahrscheinlich «I’m your lover» heisst.

Auf einer CD ist der Song auf jeden Fall nicht: «Den könnten wir heute ausprobieren», sagen sie beiläufig und gehen über zum Nächsten. Die Band spricht meistens Französisch, gemischt mit Englisch und Spanisch. «A Message To You Rudy». Alle im Van singen mit, ausser Biljana, die Tour-Managerin, die stumm in sich hinein lächelt und zufrieden aussieht. Die Fahrt zum Citadel Music Festival dauert etwa 40 Minuten. Gambeat sitzt vorne und fragt den Fahrer nach einer halben Stunde, ob das überhaupt noch Berlin sei.

Die Vögel fliegen tief über den leeren Platz vor der Bühne, vielleicht regnet es heute noch. Rundherum Türmchen, Häuschen aus rotem Backstein, Barzelte. Die meisten Bandmitglieder zünden sich eine Zigarette an und gehen direkt auf die Bühne zum Soundcheck. Philippe, besser bekannt als Garbancito, ist dazugestossen. Er sagt, er könne das Schlagzeug auch einrichten lassen, «mais je dois faire le moi-même», sonst sei bestimmt etwas falsch. Dann gibt es einen Knall. Garbancito verzieht das Gesicht, als hätte er gerade 20 rohe Eier fallen gelassen. Irgendwas mit der Technik.

Von der Bühne aus geht ein kurzer Fussweg über zwei Treppen zu einem Häuschen, das den Backstage-Bereich beherbergt. Ein grosser Raum für die Band, ein weiterer kleiner für die anderen, klärt Login auf. Er ist der Kollege von Biljana. Sie sind Serben und managen die Band auf (Ost-) Europatouren bereits seit vier Jahren. Er gehört eher zur trockenen Sorte Mensch. Die beiden scheinen sich gut zu ergänzen. Wir Nicht-Bandmitglieder dürfen den Bandraum nicht betreten, zumindest nicht vor dem Konzert. Auch von aussen sieht man nicht hinein, die Läden sind zugezogen. Das Fensterchen in der Tür ist mit einem Zettel abgeklebt. Als ich das erste Mal auf dem Weg zur Toilette vorbeigehe, steht die Tür noch offen, weil einige Bandmitglieder draussen rauchen oder im Gang herumstehen. Manu liegt vor einem Sofa auf dem Rücken, die Beine angewinkelt, die Arme sind auf den Ellbogen aufgestützt und die Handflächen zeigen nach oben, seine Augen sind geschlossen.

«Konzerttage sind die langweiligsten Tage, die man mit mir verbringen kann.»

Ich beginne zu verstehen. Er hatte mir bereits Monate vorher in einer E-Mail mitgeteilt: «Ich versichere dir, Konzerttage sind die langweiligsten Tage, die man mit mir verbringen kann. Der ganze Tag ist dem Konzert gewidmet und alle Kommunikation verschliesst sich mir. Ich werde zum totalen Autisten.» So ist es auch beim Mittagessen. Ein weisses Zelt, schön hergerichtet über dem Gewässer, das die Zitadelle umarmt. Gambeat, Garbancito und einige weitere sitzen bereits da, lachen, witzeln, alles auf Französisch. Ich sitze am Tisch mit dem jungen Trompeter Gabriele, Login und Biljana. Wir essen schweigend.

Manu betritt das Zelt etwas später, holt sich einen grossen Teller Pastasalat, eine Minestrone, setzt sich zu uns. Die Pasta ist für später, er hat erst vor kurzem gefrühstückt. Vermutlich ging der vorige Abend etwas länger. Auch er löffelt schweigend seine Suppe, doch entspannt ist er dabei nicht. Immer wieder legt er den Löffel scheppernd in den Teller und notiert irgendetwas in ein buntes Notizbuch von der Grösse eines Tabak-Säckchens. Das, oder er nimmt einmal einen langen, tiefen Atemzug, massiert das andere Mal Akupressurpunkte an Stirn und Ohren, pfeift eine Melodie, dehnt die Beine auf der Festbank, auf der mittlerweile nur noch er sitzt. Kann es sein, dass einer wie Manu Chao nach all den Jahrzehnten auf den Bühnen der Welt vor einem Konzert stundenlang nervös ist? Oder ist das seine Art und Weise, die grösstmögliche Energie für den Auftritt zu bündeln? Geist, Kopf und Körper so zu zentrieren, dass sie für die fast drei Stunden eins sind? Es wird viel von allem sein.

Als ich später abermals beim Bandraum vorbeigehe, sitzt Manu auf dem Sofa, vor dem er vorher auf dem Boden lag, am Laptop und trägt eine Sonnenbrille. Nur Minuten später höre ich die Musik von der Bühne herauf spielen. Das ist kein Soundcheck mehr, das ist eine Probe! Der unverkennbare Gitarren-Sound, für den hauptsächlich Madjid und sein Instrument verantwortlich sind, schallt über den leeren Platz. Die Gitarre sieht aus, als hätte sie noch nie einen Gitarrenkoffer von innen gesehen. Hat sie wohl auch nicht. Am Morgen hing sie mit dem Hals in Richtung Boden ziemlich unaufgeregt um seinen Oberkörper. Als Manu nach einer guten Stunde das Mikrofon an Garbancito abgibt und dieser zu «Sidi H’bibi» ansetzt, für den er das Schlagzeug jeweils verlässt, ist die Energie auf dem absoluten Höhepunkt. Und die Gruppe so etwas wie ein Punk-Kindergarten auf ihrem Bühnen-Spielplatz.

Es ist bald 17 Uhr. Manu meinte noch, dass er zwar gerne in Deutschland spiele, das Publikum sympathisch sei, jedoch einfach nicht wirklich aggressiv, wie etwa in Argentinien. Und dass die Konzerte bereits um 19.30 Uhr stattfinden, verstehe er wirklich nicht. Die Tür zum Bandzimmer ist nun endgültig zu. Wer weiss, was die Männer nun dort drinnen tun. Beim Mittagessen sagte einer etwas von Meditation und Yoga. Garbancito kommt noch kurz in unserem Raum vorbei und fragt, wo man nach dem Konzert rauchen dürfe. Die Band schätzt den Tabak, das ist mir spätestes jetzt klar.

Was in den nächsten beiden Stunden ansonsten passiert, bleibt ihr Geheimnis. Bis zur Show ist es jedoch sinnvoll, ein Stück weit zu rekapitulieren, aus welcher Vergangenheit Manu Chao kommt, ohne seine Biografie herunterzuleiern. Seine Eltern sind Spanier, aufgewachsen ist er jedoch in Paris. Eine Woche nach dem Konzert in Berlin beging er seinen 54. Geburtstag. Eine Tatsache, die man bei seinem Anblick fast nicht glauben mag. Die wachen, schelmischen Augen, in Kombination mit den stets aufgerichteten Brauen und dem breiten Grinsen, lassen ihn viel jünger wirken, als er ist. Fast schon bubenhaft. Sein Körper und der Gang sind wie die eines jugendlichen Skaters, der seine Freizeit beim Sport an der Sonne verbringt und so etwas wie Atemnot noch nicht kennengelernt hat.

Mano Negra hiess die 1987 gegründete Band, mit der Manu Chao die ersten Erfolge feierte. Mit dabei war auch sein Bruder Antoine Chao und einige weitere, darunter auch Garbancito. Die heutige Band spielt noch viele Mano-Negra-Songs in etwas abgeänderter Form auf der Bühne. Die Band zerbrach 1995, nachdem sie gemeinsam mit anderen Künstlern die wahnwitzige Idee umgesetzt hatte, über Monate hinweg auf einer stillgelegten Zugstrecke in Kunst-Wagons durch Kolumbien zu fahren und in den abgelegensten Dörfern im Dschungel Musik und andere Darbietungen vorzuführen. Ramon Chao, Vater und Schriftsteller, hat die Reise mitgemacht und ein Buch darüber geschrieben: Ein Zug aus Eis und Feuer – Mit Mano Negra durch Kolumbien. Darin beschreibt er neben viel Verrücktem, Inspirierendem und durchaus auch Irritierendem, dass sein Sohn ihn unter zwei Bedingungen mitfahren liess: Dass im Buch nicht er, Manu, im Zentrum stehen solle, und dass es nicht so ein Geschwurbel werden solle wie das letzte Buch, das Ramon geschrieben hatte.

Irgendwann zog Manu schliesslich nach Barcelona, wo er heute noch so etwas wie einen Wohnsitz hat, auch wenn er sagt, sein zuhause sei der Band-Van. Dort, in Barcelona, gibt es eine Bar, mit der er im Herzen stark verbunden ist. Versteckt irgendwo in den engen Gassen des Barrio Gotico gibt es starke Drinks zu fairen Preisen, Live-Musik von aufstrebenden Musikern aus dem Quartier und neben Oliven, Vermouth und Honig-Schnaps im Verkauf auch immer wieder Konzertkarten von Bands zu erstehen, von denen noch nie jemand etwas gehört hat. Atomik Pardalets etwa, Manola la Viola oder Roberta Kitapena. All diese Konzerte haben einige Eigenschaften gemein: Man kann die Karten nur im Mariatchi für 10 Euro zu einer ganz bestimmten Zeit kaufen. Sie finden meistens in der Sala Salamandra statt. Und die Plakate wurden allesamt eindeutig vom selben Künstler gestaltet. Sein Name: Wozniak. Wer Manu Chao nur ein bisschen verfolgt hat, weiss, dass er nicht nur Plakate, Website und CDs, sondern auch seine Kleidung von Wozniak designen und anmalen lässt. Sie haben auch mal ein Kinderbuch zusammen herausgebracht. Nun, man kann sich also denken, wer diese ominöse Manola la Viola ist und dass sie es noch immer sehr schätzt, intime Konzerte vor wenigen Leuten zu geben. Und vielleicht habe ich ja Glück und Manu streicht mir diese vielsagende Anekdote beim Gegenlesen nicht aus dem Text.

Der Platz vor der Bühne ist bereits voll und die Berliner Vorband ist nicht zu überhören. Auch diese freut sich offensichtlich auf den Haupt-Act des Abends und versucht immer wieder, mit wahllosen spanischen Worten («Mucho, mucho!!!») ihre Verbundenheit zu verkünden. La Ventura versammelt sich hinter der Bühne, jetzt sind alle nervös. Manu trägt ein von Wozniak bemaltes, rotes Hemd sowie die Flagge der indigenen Anden-Völker als Gürtel und klopft sich auf die Brust wie ein Gorilla. Es geht los.

Steht man während der Show eher am Rand der Publikumstraube, wird man laufend Menschen beobachten, die klatschnass vor Schweiss und strahlend vor Glück aus der Platzmitte herausströmen, um sich etwas abzukühlen oder ein Bier zu holen. Diese Konzerte gehen gut und gerne fast drei Stunden und geben nie auch nur ein wenig an Energie nach. Wäre die Band nicht auf der Bühne, man könnte sie nicht von ihrem Publikum unterscheiden. Hüpfend, schwitzend und glücklich. Manu schlägt sich den Mikrofonkopf auf das Herz, es fühlt sich an, als hörte man es pumpen – BUMM BUMM BUMM. Das ist es, was Manu Chao auf der Bühne tut: Er breitet sein Herz auf der Bühne aus. Nicht als Entertainer, sondern als einer, der die Menschen damit in ihrem Innersten treffen will. «43 Studenten sind in Mexiko verschwunden. We want them alive! We want them alive! We want them alive!» Und für einen langen Moment wünschen sich Tausende Menschen auf diesem Platz nichts anderes, als dass diese 43 mexikanischen Studenten leben. Und wenn die Menschen nicht wissen, wovon gerade gesprochen wurde, dann haben sie sich vorgenommen, sich zu informieren.

«Te lo digo, te lo canto: Fuera Monsanto! Ich sage es dir, ich singe es dir: Raus mit Monsanto!»

Gerade die Verbundenheit zu den lateinamerikanischen Völkern ist nicht nur in den Songtexten extrem spürbar, sondern eben auch in seinen politischen und wirtschaftlichen Ansichten, die er mit Leidenschaft auf der Bühne teilt.

Zwei Zugaben. Dazwischen zündet sich nahezu die ganze Gruppe eine Zigarette an, wenn auch nur für drei Atemzüge. Doch fertig ist fertig. Nach dem letzten Ton und unter einem Publikumsbeifall, den man durchaus als aggressiv bezeichnen darf, geht La Ventura ohne sich umzudrehen in Richtung Backstage-Bereich. Abendessen gibt es erst jetzt. Und das erste Foto der versammelten Band seit über zehn Jahren. Die Tochter von Freunden Manus ist in Berlin zu Besuch. Auch sie war den ganzen Tag auf dem Gelände. Sie ist Fotografin und Manu wusste, dass sie genau die Bilder für diesen Text schiessen würde, die ihm und der Band passen.

Es sind nun 24 Stunden vergangen seit dem absoluten Zufall, der vor dem Hotel passiert war. Er sitzt in Boxershorts auf dem Sofa, ich dort, wo er heute mal auf dem Rücken gelegen war, auf dem Boden. Er trinkt Rotwein aus einem Becher, ich Bier aus der Flasche. Ich biete an, den Steckbrief per E-Mail zu schicken, ich möchte ihn so spät nicht mehr stören. Er winkt ab. Und die Antwort auf die Frage, wo Manu Chao sich in 10 Jahren sieht, ist so überraschend, dass sie nicht im Steckbrief untergehen darf. Er wird dann in jedem Fall in der Nähe des Meeres sein, Salzwasser sei der beste Arzt, sagt er ruhig, «auch wenn ich eine Ratte der Stadt bin, bald muss ich näher zur Natur. Und wenn wir schon bei Arzt sind: Ich will vor 60 noch Doktor werden. Worin, weiss ich noch nicht genau. Vielleicht Osteopath oder Chiropraktiker. Ich liebe es, zum Arzt zu gehen. Ich bin für die ein «Pain in the Ass» weil ich immer hundert Fragen stelle. Doch dafür werde ich aufhören müssen zu touren- und das will ich noch nicht. Ich liebe meine Band, ich liebe es, im Van, auf der Bühne und überall zu singen, ich liebe die Menschen, die an unsere Shows kommen. Sie sind auch ein sehr guter Arzt.»

Willst du mehr über Manu Chao wissen? Zum Steckbrief